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Künstlersolidarität zu Putin : Valery Gergiev schließt seinen Pakt mit der Macht

  • -Aktualisiert am

Putin für Künstler: Gergiev erhält den Orden „Held der Arbeit“ am 1. Mai 2013 Bild: AFP

Valery Gergiev soll Chefdirigent der Münchner Philharmoniker  werden. Jetzt spricht er sich für Putins Machtpolitik auf der Krim aus. Kann sich die bayerische Hauptstadt das leisten?

          Jedem Künstler steht es frei, sich zu politischen Fragen zu äußern. Oder zu schweigen. Dem einen nimmt man öffentlich übel, dem anderen nicht. Das hängt jeweils ab von der historischen Situation, von der aktuellen Machtkonstellation. Wenn, zum Beispiel, der smarte junge Stardirigent Gustavo Dudamel, Chef der Los Angeles Philharmonic und Aushängeschild der öldollarreichen Oberschicht Venezuelas, zu den Morden an Regimegegnern in Caracas keinen Mucks sagt, dann merkt das kein Mensch. Es ist im Moment unwichtig.

          Wenn aber der russische Dirigent Valery Gergiev, Chef des prunkvollen Petersburger Mariinsky-Theaters, welches ihm sein guter Freund Wladimir Putin für eine halbe Milliarde Euro erneuern, erweitern und zu „Gergiev-Music-City“ hatte umbauen lassen, Chef zugleich des London Philharmonic Orchestra und designierter Chefdirigent der Münchner Philharmoniker ab 2015, still sitzen bleibt, den Kopf neigt und schweigt, sich selbst, wörtlich, für „nicht zuständig“ erklärend, während die Konzert-Demonstranten in London und München von ihm eine klare Kritik hören wollen zu den Menschenrechtsverletzungen durch Putins Anti-Schwulen-Gesetz, so ist das wichtig. Denn es hat Folgen. Kampagnen, Debatten, Schlagzeilen. Eine der Schlagzeilen, die seit diesen Münchner Vorfällen im letzten Dezember immer wieder hochkocht, lautet: Ist Gergiev für München noch tragbar?

          Jetzt muss die Stadt München diese Frage beantworten. Valery Gergiev hat gesprochen. Er setzt sich offen ein für Putins Krim-Politik. Gergiev ist einer von dreihundert russischen Künstlern, die den Aufruf, der zuerst auf der Website des Kulturministeriums der Russischen Föderation, dann in „Iswestija“ veröffentlicht wurde, unterzeichnet haben (siehe Kasten unten). Es heißt dort, wörtlich: „In den Tagen, in denen sich das Schicksal der Krim und unserer Landsleute entscheidet, können die Kulturschaffenden Russlands nicht gleichgültige, kaltherzige Beobachter sein. Unsere gemeinsame Geschichte und gemeinsamen Wurzeln, unsere Kultur und ihre geistigen Ursprünge, unsere Grundwerte und Sprache haben uns auf immer vereint. Wir wollen, dass die Gemeinschaft unserer Völker und unserer Kulturen eine starke Zukunft hat. Deshalb erklären wir felsenfest, dass wir die Position des Präsidenten der Russischen Föderation zur Ukraine und der Krim unterstützen.“

          Er kann offenbar nicht nur Künstler sein: Gergiev beim Dirigat

          Ein Schwur. Beschworen wird die Treue zu Schicksal, Volk, Gemeinschaft, Wurzeln, Zukunft, zur Stärke der Nation. Bestätigt werden mit dröhnenden Worten bestehende Machtverhältnisse. Sogar eine Opernformulierung findet sich: „Come scoglio“, felsenfest. Als Teilhaber an der Machtkonstellation, die er bestätigt, unterschreibt Gergiev mit dem Appell zugleich, dass er seinen Pakt mit der Macht prolongieren will. Er hat felsenfest für sich gestimmt.

          Hatte er eine andere Wahl? Gergiev verdankt seine sehr steile und schnelle Karriere gewiss zuallererst sich selbst, seinem explosiven Können, seinem genialen Feuerkopf. Aber er hat die Tatsache, dass er sich eine einzigartige Machtposition im Reich der Musik ausbauen konnte, eindeutig Zar Putin zu danken, und er wirkt selbst heute als ein Musikzar, als der Mächtigste, Reichste von allen, an dem, zumindest in Russland, kein Musiker vorbeikommt. Auch außerhalb Russlands: Sängerinnen wie Anna Netrebko oder Olga Borodina verdanken ihm ihre internationale Karriere. Und wen er nicht mag, der macht nun mal keine. Dieser Mann ist ein Selbstherrscher, ein Glanz, sein Wille geschehe. Hätte er schweigen können? Vielleicht. Aber er hätte auch etwas anderes sagen könne. Zum Beispiel: „Bitte kein Blutvergießen“. Oder: „Setzt euch an einen Tisch und diskutiert.“ Oder: „Ich hoffe auf eine politische Lösung“ - wie es sein Kollege Kirill Petrenko dieser Tage sagte, derzeit Chefdirigent der Bayerischen Staatsoper.

          Sollte das russische Militär auf der Krim tätig werden, sollte Putin Völkerrecht brechen, dann wird die Stadt München ihren vermutlich teuersten Angestellten, GMD Gergiev, nicht mehr im Vertrag behalten können. Spätestens dann. Und man könnte der Stadt München, die übrigens Kiew zu ihren Partnerstädten zählt und bis jetzt beharrlich schweigt, nicht einmal vorwerfen, dass sie von den Ereignissen überrumpelt wurde. Schon 2008, im Fall der Besetzung Südossetiens, hatte sich Gergiev für Putin ausgesprochen. 2012 spielte er als Wahlhelfer Putins in Fernsehclips mit. Am 7. Februar 2014 zog er, als einer von acht Trägern der Olympischen Fahne, ins Stadion von Sotschi ein. Zu Recht fragen Münchens Musikfreunde auf Facebook: Kann dieser Mann nicht einfach mal nur dirigieren? Nein. Das kann er offenbar nicht.

          300 russische Künstler stehen zu Putin

          Die in der putintreuen Zeitung „Iswestija“ veröffentlichte Erklärung, mit der dreihundert Kulturschaffende ihre Unterstützung für Wladimir Putin bekunden, findet in Russland breiten Widerhall. Auf der Internetseite der „Iswestija“ wird sie lebhaft kommentiert. Es gibt Beifall und Empörung über die Abschaltung russischer Fernsehsender in der Ukraine oder die Versicherung, auch das russische Volk stehe zu seinem Präsidenten. Lob und Tadel halten sich aber insgesamt die Waage. Ein Unterstützer schreibt, nur das sowjetische Volk stehe zu Putin, ein Kritiker meint, der Brief sei eine Peinlichkeit und Schande.

          Valery Gergiev, der zu den offiziellen Vertrauenspersonen von Präsident Putin gehört, hatte zuvor schon betont, dass das Referendum auf der Krim eine logische Folge der Ereignisse in Kiew und des radikalen Vorgehens der neuen Machthaber sei. Die Russen und Russischsprachigen auf der Krim hätten das Recht auf Selbstbestimmung, sagte Gergiev und verglich die Situation mit den Autonomiebestrebungen in Schottland und Katalonien.

          Der Petersburger Theaterregisseur Valeri Fokin verteidigte den Brief, den er mitunterzeichnet hatte, mit dem Argument, dass nichts Bevormundendes oder Militaristisches darin stehe. Man müsse heute alles tun, um die Landsleute und Vertreter der russischen Welt zu unterstützen, sagte Fokin. Der Leiter der Petersburger Repin-Kunsthochschule, Semjon Michailowski, erklärte, die Bewohner der Krim hätten das Recht zur Volksbefragung. Die Krim stelle ein großes Problem dar, gab Michailowski zu, die Halbinsel sei historisch eng mit Russland verbunden. Der Filmregisseur Wladimir Bortko bekannte, er sei zwar mit Putins Innenpolitik nicht einverstanden, mit seiner Außenpolitik aber zu 154 Prozent. Der Kinoregisseur und Mosfilmchef Karen Schachnasarow findet, in der gegenwärtigen Lage, da ein ukrainischer Staat faktisch nicht existiere, solle die Krim, die eigentlich Teil Russlands sei, über ihre staatliche Zugehörigkeit selbst befinden können. (Kerstin Holm)

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