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„Krieg und Frieden“ in Wien : Ganz Russland passt auf diese Bühne

  • -Aktualisiert am

Der Schlaf der Draufgänger gebiert ungeheures Theater: Fabian Krüger als Offizier Dolochow in „Krieg und Frieden“ Bild: Georg Soulek

Vom seltenen Glück eines dramatisierten und eigentlich nicht für die Bühne gedachten Romans: Matthias Hartmann inszeniert im Wiener Kasino Leo Tolstois „Krieg und Frieden“.

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          Romane auf der Bühne, noch so eine überflüssige Mode. Gibt es nicht genug gute Dramen? Müssen Regisseure sich nun auch noch als Prosazerfledderer produzieren? Statt Hunderte Seiten Lektüre, statt Sprachmelodie, Imagination, Sofa stundenlang gelangweilt hingucken auf den szenischen Suppenwürfel, zu dem der Langtext geschrumpft ist? Und musste am Ende der Welle - naturgemäß am Burgtheater und von Chef Matthias Hartmann persönlich und nach einer fast zweijährigen öffentlichen Dauerprobe - auch noch Tolstois unaufführbares Epochengemälde „Krieg und Frieden“ zu Theaterfastfood umgemodelt werden: Krieg und Fritten? Angerichtet von vierzehn Schauspielern an zweiundfünfzig quadratischen grauen Tischen, die wie eine Festtagstafel im breiten Saal des Burgtheater-Casinos zusammengeschoben wurden: Catwalk für Tolstoi? Oben rechts leuchtet jeweils die Romanseite auf, um die es geht. Und hinten steht ein Modell der Bühne mit den gefühlten dreihundert Hauptpersonen und dreitausend Komparsen als Puppen. Das kann ja heiter werden.

          Doch es kommt anders. In dieser Großerzählung geht es um den russischen Krieg gegen Napoleon, den Krieg einzelner Russen gegen ihre Seelenverwirrungen und den Psychokrieg dieser adlig-überlebensmüden Kulturwilden gegeneinander. Hat sich das Personal der größenwahnsinnigen Geschichte erst mal sortiert, wird es unerwartet innig. Das liegt zum einen an den großartigen Schauspielern, die einem zynisch-ermatteten Fürst Bolkonskij, gespielt von Peter Knaack, einem jähzornig liebenden Altfürsten Bolkonskij, den Ignaz Kirchner ziseliert, einer selbstverliebt verschlampten Hélène Kuragina, verkörpert von Stefanie Dvorak, oder einem draufgängerisch-nihilistischen Offizier Dolochow, den Fabian Krüger gibt, ins Bühnenleben helfen: keine heroischen Kostümfilmkomparsen, sondern dezent gegenwärtig gekleidete Normalmenschen, die sich hinter Tolstois genial skizzierten Gesten und Dialogen nicht verstecken.

          Mit ein paar Tricks entsteht der Zauber des Romans

          Indem sie die bösen Kommentare des Romanciers über ihre Schwächen, ihre Ticks, ihre Begierden und Hoffnungen gleich mitsprechen oder im Stakkato aufs Ensemble verteilen, setzen sich die vermeintlichen Helden selbst in Anführungszeichen, werden dadurch erst menschlich. Da ist der Stutzer Anatol, der im Roman als diabolisch-dämlicher Dauerverführer geradezu nervt. Doch Oliver Masucci macht aus ihm mit genialem Reklamestrahlen und Stummfilmgesten ein armes Würstchen, an dessen Scheitern man sich vor lauter Empathie nicht sattsehen kann. Als nach fast fünf Stunden der Schluss des Werks - die Regie brach ermattet zusammen wie Napoleons Vormarsch zum Ural - gnädig zu Ende erzählt wird, kann Masucci ohne Kalauerei verkünden, er werde es Tolstoi nie verzeihen, dass seiner Figur im Roman kein ausführlicher Tod zuteilwurde.

          Und die Bälle mit Hunderten Tanzenden? Die Schlachten mit Tausenden Sterbenden? Die Kutschen, Troikas, Pferde, Hunde, Kronleuchter, Steppen, Wälder, Lakaien - und vor allem die Sternennächte? Hartmann zaubert all das breit Herbeigeschriebene mit ein paar Tricks herbei. In Überblendungen, Bühnennebel und Geschrei entsteht Austerlitz, mit simplen Videoprojektionen die Moskauer Oper, deren Requisiten und deren Ensemble Fabian Krüger im Alleingang tragikomisch zusammentanzt. Mal fällt etwas Schnee, mal knallen Duellschüsse auf einer Videoleinwand, mal stapft ein sinnierender Napoleon mit Riesenhut durch die umgestürzten Tische, die in den Augen des Publikums längst zu Granattrichtern zerschmolzen sind.

          Manchmal geht es eben doch

          Folgerichtig spielt dies Drama einer Epoche in den Gesichtern ihrer Menschen. In diesen mal sehnsuchtsvollen, mal angeödeten, mal blöden Blicken siegt die Phantasie über die Requisite ähnlich staunenswert, wie dieses kranke und chaotische Russland weiland über Napoleon triumphierte. Hartmann hat aus den Püppchen der Historie Seelen geformt. Yohanna Schwertfeger, sonst das vorlaute Burgtheater-Teenie vom Dienst, wächst in ihrer Rolle als Natascha in eine staunende, strahlende Liebende hinein, die am Schluss ihr weiteres Schicksal als dralles Russenmütterchen ganz kokett erzählen kann: Na ja, vielleicht hat Tolstoi sich ja auch vertan. Und der geniale lettische Schauspieler Gundars Abolins gibt den Pierre Besuchow (Tolstois Alter Ego als hässlicher, reicher, charakterschwacher Tor), als hätte dieser Mann mit fahrigen Gesten, verträumtem Blick und holpernder Zunge sich in diese Welt nur verirrt.

          Am Schluss von Hartmanns frenetisch gefeierter Inszenierung hat sich der pompöse Ballsaal der kleinen Kasino-Spielstätte längst in ein Panorama von vielen tausend Werst verwandelt. Natürlich passt „Krieg und Frieden“ unmöglich auf eine Bühne. Man kann so einen Roman gar nicht inszenieren. Außer manchmal. Außer diesmal.

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