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„Kreatur“ von Sasha Waltz : Die Wollust der präzisen Formulierung

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Die Bühne ist wie eine dreidimensionale Leinwand. Rechts auf der ansonsten leeren Spielfläche im Radialsystem steht ein schmales hohes Podest in Weiß, zu dem eine Treppe hinaufführt. Es erinnert nicht nur an „One Room Apartment“, das der nordirakische Künstler Hiwa K auf der Athener Documenta zeigte, es greift ebenfalls die Flüchtlingsproblematik auf. Bei Waltz ist das eine eindringliche Szene, in der sich die Tänzer wie in einer Warteschlange die Treppe hinaufbewegen und oben eng aneinandergedrängt stehen, bis plötzlich einzelne herabfallen und nur mühsam wieder hinaufgezogen werden können.

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Das Konkrete solcher Szenen – in anderen gibt es Kämpfe oder erotisch aufgeladene Begegnungen – löst die Choreographin immer wieder gelungen auf. Nur selten, dann aber passend greift sie, da es keine Gassen gibt, in denen die Tänzer sich verbergen könnten, auf das Blackout zurück, um Szenen voneinander zu trennen. Größtenteils leiten sehr stimmige Zwischenszenen von einer Sequenz in die nächste über. Von derselben zeitgenössischen Eleganz und Unaufdringlichkeit wirken die Beats und Klangereignisse des „Soundwalk Collective“. Zu dieser reifen, intelligenten, auf neue Weise verspielten Choreographie passen die leichten, assoziativen Kostüme der niederländischen Modeschöpferin Iris van Herpen. In Schwarz, Weiß oder Nude gehaltene kurze wamsartige Oberteile und Mini-Unterteile aus luftigem Seidentüll mit Linien, wie in ihrer Sommerkollektion aus dem 3D-Drucker gezogen.

Sehr körperlich und doch sehr abstrakt

Neben den paarweisen oder in Trios gestalteten Rencontres der Tänzer, die von mitunter sogar witzigen Attacken bis hin zu explizit sexuellen Vereinigungen reichen, gibt sich das Ensemble immer wieder langen gemeinsam getanzten Passagen hin, in einer wunderschön gelösten Energie, voller Tanzlaune, locker, auf den Punkt, von synchroner Übereinstimmung bis hin zu polyphoner Auflösung absolut organisch. Das ist meisterhaft und wie absichtslos hingeworfene Choreographie. So schön kann Tanz sein, der einfach neue Welten schafft, denn auch das ist das Wesen der Kreatur. Nicht nur tobt das Kreatürliche sich in triebhafter Aggressivität oder wildem Sex aus, Bedürfnis ist auch der spielerische, überschüssige, poetische Selbstausdruck, eigentlich eine Vorstufe der Kunst, hier aber souverän verwandelt in Kunst.

Es gelingt Sasha Waltz in „Kreatur“, das beste ihrer Kunst in eine neue Dimension zu treiben. Man merkt jeder Minute des anderthalbstündigen Werks an, wie sorgfältig und geduldig sie durchdacht und gestaltet wurde. Überflüssiges gibt es nicht, Elegisches schon. Man kann sehr körperlich denken und doch sehr abstrakt, das beweist der Tanz hier. Man kann ausdrücken, dass der Mensch zu sehr schönen Handlungen und sehr schlimmen imstande ist, ohne Worte. Alles wirkt hier verbunden durch die Lust an der präzisen Formulierung, die Welten eröffnet. Wenn das gesichtslose Wesen im dunklen Ganztrikot, dessen lange metallisch blitzende Stacheln die Nackten auf der Bühne kitzeln, streicheln oder grausam dahinstrecken, sich von seiner Ganzkörperwaffe befreit, kündigt sich mit dem Ende der Manipulationen auch das Ende des Stücks an.

Kitzeln, streicheln, dahinstrecken: Kostüm als Ganzkörperwaffe in „Kreatur“

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