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„Guillaume Tell“ in Lyon : Unsere kunstsinnigen Schläger

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Die Bedrohung von Musik und Gesang durch verkommene Gewalt: „Wilhelm Tell“ Bild: Reuters

Vom Kampf des Guten und Schönen gegen die Unterdrückung: Tobias Kratzer inszeniert Rossinis „Guillaume Tell“ an der Opéra de Lyon.

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          Im Oktober Gioachino Rossinis „Guillaume Tell“ auf den Spielplan zu setzen ist ein Risiko, schon wegen der Länge von Rossinis letzter, 1829 in Paris uraufgeführter Oper. Dreieinhalb Stunden Musik, darin Balletteinlagen, viele Chorszenen. Doch die Opéra de Lyon hat das Risiko gewählt, darauf vertrauend, dass Rossinis Musik unter Musikdirektor Davide Rustioni ihre Wirkung tun wird. Außerdem vertraute Intendant Serge Dorny dem Regisseur Tobias Kratzer, dass dieser die Herkulesaufgabe des Spannung-Haltens auch szenisch stemmen würde. Dorny hat gewagt und, wie die Premiere zeigt, gewonnen.

          Rustioni erfüllte seine Aufgabe mit größter Brillanz, Genauigkeit im Detail und langem Atem für das Ganze. Eine klare, sensible Rossini-Musik tönt aus dem Graben des Jean-Nouvel-Raumes, mit ruhiger Hand und kühlem Kopf in durchaus französischem Geist geführt. Der in seinem Schaffen gereifte Rossini serviert seine Einfälle in zarteren Farben. Auf der Bühne erlebt man Sänger, die über das Können und den Geschmack eines Belcanto verfügen, der den Namen verdient.

          Das Cello wird zertrümmert

          Schwarz und Weiß sind die Farben von Rainer Sellmaier, dem für Bühne und Kostüme zuständigen Ausstatter. Ein den Hintergrund füllendes Bild eines Bergmassivs, weißer Boden, schwarze karge Möbel, daheim bei Tells. Die strengen Helvetier, Männer im schwarzen Anzug, Frauen im schwarzen Kleid.

          Ein Überall in heutiger Zeitlosigkeit. Zu Beginn, zur Cellokantilene der Ouvertüre, spielt eine Frau auf der Bühne das Solo. Plötzlich erscheinen Jungmänner in weißen Overalls, schlurfen bedrohlich gleichgültig, nähern sich der Musikerin, haben Baseballschläger dabei. Die Cellistin muss aufgeben, das Cello wird zertrümmert.

          Tobias Kratzer erzählt durch Guillaume Tell hindurch eine neue Geschichte, vom Kampf des Guten und Schönen gegen die Unterdrückung durch das Gewalttätige und Verkommene. War in Schillers Wilhelm Tell, der Vorlage, das Thema die Freiheit der Helvetier von der Unterdrückung durch die Habsburger, so ist Kratzers Thema die Freiheit der Kunst. Seine Helvetier sind eine kunstsinnige Gesellschaft.

          Gültige Emotionen

          Jeder spielt ein Instrument, man musiziert und singt gemeinsam. Die Ballettszenen, von Demis Volpi choreographiert, geben zur Musik noch die Tanzkunst dazu. So, wie der Tanz zum Leben der Leute gehört, gehört er natürlich zu dieser Oper. Brillant! Ständig bedroht wird das Musenvolk von den hämisch grinsenden Jungmännern in ihren weißen, vom dreckigen Geschäft verschmierten Overalls mit ihrem Anführer Gessler.

          Wilhelm Tell entsteht in der eigenen Vorstellung. Es ist diese Konstellation, so konstruiert und von der „tatsächlichen“ Handlung abgehoben sie zunächst wirkt, aus der das Geschehen beim Zuschauer einschlägt. Kratzer und Sellmaier zeigen Bilder aus dem kollektiven Gedächtnis unserer Zeit. Eine ungerührt brutale Schlägergang, die feixend auf feinsinnige Mitmenschen losgeht.

          Da packen einen die Schauer, wenn die Overall-Kerls die Tänzer einkreisen und sie niederprügeln; wenn sie das Volk zwingen, vor dem Gesslerhut im Kreis zu kriechen. Angst steigt auf, als sie Tell, der Gruß und Kriechen verweigert, umzingeln, ihm das Messer an die Kehle setzen und seinen Sohn als Geisel nehmen.

          Mittendrin und zutiefst bewegt

          Und wahre Erleichterung, Mitfreude, als der Apfel fällt und Tell diesen Ausgang erst nicht fassen mag. Mit sparsamen, scharf konturierten Zeichen von heute aktivieren Kratzer und sein Team aus dem Tell-Stoff und der Partitur immer gültige Emotionen.

          Der außen kühle, innen brodelnde Ansatz der Regie passt zum Gesang. In „Guillaume Tell“ geht die Musik das Empfinden gemessen, aber mit festem Griff an. Die Sänger dafür hat Dorny alle: Der Tenor John Osborne gestaltet den Arnold mit einem silbernen Strahl, der das Ohr regelrecht blendet; seine geschmeidige Höhensicherheit in der Paradearie der Oper, „Asile héreditaire“ bescherte ihm einen Beifallssturm; ihm gleichrangig in der Kategorie Sopran Jane Archibald als Mathilde – überaus diszipliniert in den Koloraturen, keine Tonakrobatik, sondern Reihen von fein polierten Tonperlen.

          Nicola Alaimo ist ein Fels von einem Tell, aus seiner beachtlichen Statur strömt Bariton-Wohlklang und Verlässlichkeit ohne Ende. Enkelejda Shkosa als Hedwige ist die würdige Frau an seiner Seite, ein die Tiefen warm und glutvoll auslotender Mezzo. Gessler, Melecthal, Furst, auch Jemmy sind alle überzeugend besetzt und von Kratzer in ihre Rollen geführt.

          Der grandiose, agile, in allen Stimmen immer präsente Chor füllt seine große Rolle in dieser Oper rundum aus. Vier Stunden vergehen wie im Flug. Man war mitten drin und zutiefst bewegt. Was mehr kann Oper wollen?

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