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Krach am Schauspiel Frankfurt : Mut und Gnade

  • -Aktualisiert am

Offensichtlich der Herr im Haus: Anselm Weber, Intendant und Geschäftsführer am Schauspiel Frankfurt Bild: dpa

Das Frankfurter Schauspiel freut sich über ein volles Haus und präsentiert einen literarischen Spielplan, aber hinter den Kulissen gibt es Ärger.

          Was ist los am Frankfurter Schauspiel? Seit zwei Spielzeiten* ist Intendant Anselm Weber jetzt im Amt, und von außen betrachtet scheint alles in Ordnung zu sein. Das Haus ist voll, die Zuschauer kommen, die Kulturpolitik zeigt sich zufrieden. Ihre ganze Sorge gilt den gigantischen Kosten, die in Zukunft auf die Stadt zukommen werden, um das marode Theatergebäude zu renovieren oder gar neu zu bauen. Zur Vorbereitung dazu braucht sie einen pragmatischen Partner, der keine Probleme macht, der eine gute Auslastung vorweisen kann. Das kann Anselm Weber. In der letzten Spielzeit ist sie auf 91, 4 Prozent gestiegen, wie er zu Beginn der für Dienstag einberufenen Pressekonferenz zur Präsentation des kommenden Spielplans befriedigt erwähnte. Allerdings werde bei der Vielzahl von Produktionen auch der Druck immer stärker, Einnahmen zu generieren. Was dadurch zuletzt oft auf der Strecke blieb, war der künstlerische Wert des Gezeigten.

          Die Eröffnung im letzten Spieljahr war ein absolutes Desaster. O’Neills „Der haarige Affe“, in einer missglückten Adaption als sogenannte Klassenkampf-Farce auf die Bühne gebracht, war ein Abend zum Fremdschämen. Zu „The Nation“, dem Versuch, das Theater mit der Serie zu versöhnen, fiel vielen enttäuschten Zuschauern nicht mehr als ein ratloses Schulterzucken ein. Dazwischen gab es ein nettes Familienstück, einen ambivalenten „Godot“ und ein Zeitgeist-Drama vom überall präsenten Lutz Hübner. Heraus stachen zwei Aufführungen von Stücken des österreichischen Dramatikers Ewald Palmetshofer, Ulrich Rasches monumentalische, mit Salzburg koproduzierte Inszenierung von Aischylos’ „Persern“ und ein berührender Abend von Luk Perceval über Krebs mit dem Titel „Mut und Gnade“ im Bockenheimer Depot.

          Absetzungen von Erfolgsstücken

          Beide Inszenierungen, sowohl „Die Perser“ als auch „Mut und Gnade“, sind allerdings inzwischen vom Intendanten wieder abgesetzt worden. Warum, darüber herrscht bei den Beteiligten Ratlosigkeit. „Die Perser“ waren sehr gut besucht, hatten überregional Aufmerksamkeit erregt und konnten als ästhetisch waghalsiges Aushängeschild des Hauses gelten. Kein besserer Ort war eigentlich für Rasches rahmensprengendes Bühnenbild denkbar als Europas größte Drehbühne. Seine Enttäuschung über das kommentarlose „Einstampfen“ einer technisch so aufwendigen und darüber hinaus immer ausverkauften Produktion kann Ulrich Rasche nicht verbergen. Im Gespräch klagt er über schlechte Dispositionen am Haus und bemängelt „qualitative Probleme des Ensembles“. Er habe mit so vielen Gästen arbeiten müssen, weil er in Webers Ensemble keine passenden Darstellerinnen und Darsteller gefunden habe. Das klingt im ersten Moment hochmütig und vermessen, aber dann fragt man sich in der Tat, welche Namen hier überregionale Strahlkraft besitzen. Die Liste der berühmten Gäste ist lang: Wolfram Koch, Dietmar Bär, Valery Tscheplanowa, Max Simonischek und Jana Schulz reisen jeweils für ihre Gastauftritte an, aber im Ensemble selbst fehlen die schauspielerischen Schwergewichte. Eine Patrycia Ziolkowska, am Hamburger Thalia Theater und in Filmen von Fatih Akin ein Star, bildet die Ausnahme.

          Extravaganz kostet

          Anselm Weber rechtfertigte am Dienstag die Absetzung der „Perser“ damit, dass bei den vielen Gästen keine „Terminübereinstimmung“ möglich gewesen sei. Außerdem sei die Inszenierung teurer gewesen als die maximalen Einnahmen, die man damit pro Abend hätte erreichen können. „Subventioniertes Theater“ nennt er, der auch Geschäftsführer des Hauses ist, das. Nicht zu Unrecht. Was wenige wissen, ist, dass die Subventionen der Städte an großen Häusern wie Frankfurt inzwischen zum Großteil in die Verwaltung fließen. Die Künstler und ihre extravaganten Ideen müssen dann durch die Einnahmen oder Drittmittel bezahlt werden. Deshalb muss man als Intendant beizeiten entscheiden, was unbedingt möglich gemacht werden soll. Für Rasche hat Weber sich offensichtlich nicht entschieden.

          Nicht-Kommunikation?

          „Warum soll ich zukünftig an einem Haus arbeiten, an dem ich nicht gewünscht bin?“, fragt Rasche verbittert. Und Luk Perceval erzählt in einem Telefonat, dass er mit dem Intendanten weder vor noch während seiner Frankfurter Proben persönlich Kontakt gehabt habe. Die Nachricht über die Absetzung seiner Inszenierung und eines nicht zustande kommenden Gastspiels sei die einzige Rückmeldung gewesen, die er vom Intendanten bekommen habe. „Wir sind doch erwachsene Menschen“, sagt Perceval und dass er eine solche „Nicht-Kommunikation“ bei einem Intendanten noch nie erlebt hätte.

          Hiobsbotschaft

          Die letzte Hiobsbotschaft, die vom Haus nach außen drang, war die Mitteilung, dass der Vertrag von Chefdramaturgin Marion Tiedtke nicht verlängert werde, sie sich von dem Haus, in dem sie vor zwei Jahren selbstbewusst als stellvertretende Intendantin angetreten war, trennen wird. Aus eigenem Antrieb? Oder wurde sie „rausgeekelt“, wie man hinter vorgehaltener Hand hört? Sie selbst vermeidet eine eindeutige Stellungnahme. Ihr sei die „Zukunft des Theaternachwuchses“ wichtig, gibt sie bei der Pressekonferenz mit starrem Gesicht zu Protokoll, deshalb nehme sie ihre Professur an der Hochschule, die sie beurlaubt hatte, wieder auf.

          Manche vermuten, dass hinter der Entscheidung ein zerrüttetes Verhältnis zwischen den beiden stecken könnte. Denn offenbar war es bisher vor allem Marion Tiedtke, die den Kontakt zu den namhaften Regisseuren hergestellt und gehalten hat. Hausregisseur Roger Vontobel spricht somit auch von einem „herben Verlust“ für das Haus. Tiedtke sei das „Herzstück“ des Theaters gewesen, sie habe die mutigen Entscheidungen getroffen. Hat Anselm Weber möglicherweise nicht gut vertragen, dass viel über Tiedtke gesprochen wurde und weniger über ihn?

          Ist Frankfurt ein weiteres Negativbeispiel für die jetzt überall angeklagte „Machtstruktur“ an deutschen Theatern? Ist Weber in seiner Doppelfunktion als Geschäftsführer und Intendant zu stark, zu unangreifbar? Vielleicht. Auf der anderen Seite gibt gerade jemand wie Rasche zu, dass seine kostspieligen Inszenierungen keine Chance hätten, wenn nicht ein starker Mann oder eine starke Frau an der Theaterspitze eine einsame Entscheidung dafür treffen würde.

          Ein herber Verlust? Die noch amtierende Chefdramaturgin Marion Tiedtke

          Wozu hat ein Intendant Macht? Jedenfalls nicht nur, um sein Haus effektiv leiten und die organisatorischen Abläufe bestimmen zu können. Sondern auch, um ästhetische Wagnisse einzugehen. Außerordentliche künstlerische Entscheidungen zu treffen. Seine Macht gibt ihm auch eine Verpflichtung: Sich für die Kunst zu verausgaben und für die Regisseurinnen und Regisseure an seinem Haus ein vertrauensvoller Förderer zu sein.

          Literarischer Spielplan

          Diesen Ruf genießt Weber offenbar nicht. Er sei ein sehr guter Verwalter, hört man immer wieder, einer, der gerne jahrelang im Voraus alles genau plane und mit dem erreichten „Status quo“ schnell zufrieden sei. Dazu passt das jetzt angekündigte, freilich noch von Tiedtke mitverantwortete Programm für die vierte Spielzeit allerdings nicht: Eröffnet werden soll im September mit „Yvonne, die Burgunderprinzession“ von Witold Gombrowicz. Leider ist derzeit noch fraglich, ob die erkrankte Mateja Koleznik die Produktion wirklich umsetzen können wird. Neben genuinen Theaterklassikern wie Sartres „Geschlossene Gesellschaft“, Aischylos’ „Orestie“ oder Shakespeares „Wie es Euch gefällt“ ist mit Blick auf das diesjährige Gastland der Frankfurter Buchmesse der norwegische Schwerpunkt des Spielplans auffällig. „Brand“, ein selten gespieltes Stück von Henrik Ibsen wird von Roger Vontobel inszeniert (in der Hauptrolle als Gast wieder Jana Schulz), im Bockenheimer Depot kommt ein Stück des jungen norwegischen Dramatikers Fredrik Brattberg zur Aufführung, außerdem werden zwei Gastspiele aus Oslo gezeigt. Jüngere deutschsprachige Dramatik von Ferdinand Schmalz, Lukas Bärfuss und Anja Hilling wird genauso aufgeführt wie etwa die verwunschene Erzählung „Am Südhang“ von Eduard von Keyserling für die Bühne adaptiert. Man kann sagen: ein literarischer Spielplan. Das ist in der gegenwärtigen Theaterlandschaft durchaus eine erfreuliche Überraschung.

          Wie geht es jetzt weiter am Haus? Wird Weber nach dem Abgang von Tiedtke der alleinige Chef? Dazu will er sich im Moment noch nicht äußern. Bis 2022 läuft sein Vertrag. Man hört, dass eine Verlängerung so gut wie sicher sei. Das Ziel von Kulturdezernentin Ina Hartwig sei es, Weber unbedingt zu halten, weil er keine Probleme mache und die Einnahmenzahlen kontinuierlich steigere. Aber so „stolz“ seine Auslastung den Intendanten nach eigenen Angaben auch macht – wichtiger für seine Zuschauer ist, dass Weber sich einen starken dramaturgischen Ersatz ans Haus holt, eine Stimme, die ihm Kontra geben kann und eigene literarische Neugierden verfolgt. Dann hat das Schauspielhaus Frankfurt das, was es als neues Spielzeitmotto vorgibt: eine „Zukunft“.

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