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Bayerische Staatsoper : Ich will zu dir

  • -Aktualisiert am

Jonas Kaufmann (links) geht auf Marlis Petersen los. Bild: Wilfried Hösl

Erich Wolfgang Korngolds Oper „Die tote Stadt“ suhlt sich in Morbidität. Aber in München machen Kirill Petrenko und Jonas Kaufmann das Stück zu einem Triumph des Lebens.

          4 Min.

          Was für ein Vorabend! Wiederaufnahme „Wozzeck“. Zweites Abonnement der Serie 26 im Münchner Nationaltheater. Eigentlich nichts Besonderes. Und doch hört man Alban Bergs Oper diesmal anders. Hartmut Haenchen, der als jugendlicher Mittsiebziger zum ersten Mal eine Produktion der Bayerischen Staatsoper dirigiert, arbeitet die komplexe Architektur bis ins Detail der Übergänge heraus. Vor allem befreit er die Partitur vom schweren Firnis der Wagner- und Mahler-Tradition. Auch an üppig instrumentierten Stellen ist dieser „Wozzeck“ leicht im besten Sinn: dem Geist von Claude Debussys intrinsischem Farbhauch näher als lastender symphonischer Tradition. Selbst das Adagio – oft als pathetische Klage ausgewalzt – bleibt hier im Fluss: als gedankliche Zusammenfassung eines menschlich-allzumenschlichen Konflikts.

          Christian Gerhaher, der die Titelpartie zum ersten Mal in München singt, nutzt diese Agilität. Seinem facettenreichen, immer zwischen Sprach- und Gesangston oszillierenden Ansatz kommt sie zugute. Hier donnert kein Heldenbariton den armen Mörder, sondern Stimme und Orchester fügen sich zu einem Filigran konstruktivistischer, gleichwohl klangsinnlicher Freiheiten und Wagnisse. So kommt die Modernität des Stückes unangestrengt heraus.

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          Nächster Abend, gleicher Ort. Nun ist das andere Extrem dessen zu erleben, was in den Roaring Twenties musikalisch modern war. Erich Wolfgang Korngolds „Die tote Stadt“, uraufgeführt nur fünf Jahre vor „Wozzeck“, suhlt sich in Morbidezza. Eine späte Jugendstilranke, narkotisierend, narzisstisch, vollgesogen mit melancholischer Schönheit, strotzend von üppig aufgeschichteten Akkorden, an denen Quinten und Quarten hängen wie überreife Trauben. Auch an diesem Abend kommt es auf den Dirigenten an. Kirill Petrenko vermeidet, darin dem Kollegen des Vorabends ähnlich, alle selbstgefällige Schwere, die der Musik inhärent ist. Er trickst die übereifrige Instrumentation des jungen Korngold aus, verdichtet Klangmischungen im Piano und Pianissimo, nutzt die glänzende Akustik des Hauses. Das Bayerische Staatsorchester nimmt sich oft bis zur Selbstverleugnung zurück. Der rhetorische Nachdruck der Musik wird dabei nicht verleugnet, sondern nobilitiert. Schlechte Aufführungen des Stückes verkaufen eine Puccini-Strauss-Lehár-Mischung und tun so, als sei das Sache selbst. Unter Petrenkos Leitung lebt diese Musik von perhorreszierendem Innenglanz.

          Eigentlich hätte Stefan Herheim diese „Tote Stadt“ inszenieren sollen. Weil das nicht geklappt hat, kommt nun Simon Stones drei Jahre alte Produktion aus Basel nach München. Es war damals seine erste Operninszenierung überhaupt – und ist bis heute seine beste geblieben. Sie verlegt die Geschichte des Witwers Paul, der seine Frau betrauert, sich in eine ähnlich aussehende Tänzerin verliebt und beide in einer Art Psychotunnel ständig aufeinander bezieht, vom morbiden Brügge in einen hellen Bungalow. Marietta, die Neue, radelt vorbei; das kultisch überhöhte Haar der Verstorbenen ist die Perücke einer Krebskranken. Pauls „Kirche des Gewesenen“ erscheint als mit Polaroid-Fotos zugepflasterte Kammer neben dem Schlafzimmer. Zwischen Vintage-Möbeln und Filmplakaten aus den Sechzigern wird der Plot eins zu eins erzählt, bisweilen auch ironisch angerempelt.

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