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Kopenhagens neue Oper : Bei Nacht ist auch diese Katze schön

  • -Aktualisiert am

Ein Opernhaus als Symbol der Macht Bild: picture-alliance/ dpa

Nötigung durch Großzügigkeit: Der reichste Mann Dänemarks hat eine Insel gekauft und Kopenhagen eine Oper geschenkt. Wie ein Sonnenkönig bestimmte er dabei alles selbst - bis zu den Bezügen der Kantinenstühle.

          Am Ende landen sie alle bei der Kunst, die großen, reichen Familien, ganz gleich, ob sie Getty heißen, Flick, Schönborn oder Rockefeller. Erst werden die Vermögen aufgehäuft, dann werden deren Früchte genossen, die schnellen Autos, die Pferde, Yachten, Villen, all die Insignien des weltlichen Wohllebens. Schließlich aber, wenn sich deren Reize erschöpft haben, wenn das Ende näherrückt, sich mehr Gedanken auf das Bleibende richten, dann darf es ein bißchen Kultur sein.

          Oder, falls das Budget das hergibt, auch ein bißchen mehr: Bilder sammeln; eine Bibliothek stiften; eine Universität gründen, etwas in der Art. Mærsk Mc-Kinney Møller, der reichste Mann Dänemarks, hätte vermutlich auch eine Pyramide in Auftrag gegeben, wären die nicht derzeit ein wenig aus der Mode gekommen. Also spendierte der auf siebzehn Milliarden Euro Privatvermögen geschätzte Reeder seiner Heimatstadt Kopenhagen eine Oper. Wobei „spendieren“ vielleicht ein allzu schwärmerischer Begriff ist.

          Er kaufte eine Insel

          Herr Møller kaufte ohne viel Aufhebens die Insel Dokó, ein aufgelassenes ehemaliges Militärgelände, das wie zufällig genau gegenüber dem filigranen Königsschloß Amalienborg und in Sichtweite seiner Konzernzentrale liegt; der rüstige alte Herr beauftragte unter Umgehung der lästigen Wettbewerbsvorschriften den renommierten dänischen Architekten Henning Larsen mit dem Entwurf und präsentierte das fix und fertige Projekt im Frühjahr 2000 der verblüfften Öffentlichkeit mit dem Kommentar, diese, genau diese, 335 Millionen Euro teure Oper wolle er Dänemark schenken, wenn der Staat den Betrieb garantiere. Änderungen, selbst im Detail, ausgeschlossen, Debatten zwecklos.

          335 Millionen Euro kostete der Bau

          Er werde zahlen, er werde entscheiden, sogar über die Bezüge der Stühle in der Opernkantine. Und auf den schüchternen Einwand, seine Vorgehensweise entspreche nicht ganz den Idealen demokratischer Planungsprozesse, ließ Møller über einen Pressesprecher kundtun, seine gute Gabe sei als Geschenk zu verstehen, nicht als Geschenkgutschein. Es gibt eine Form von Freigebigkeit, die sich von Nötigung kaum unterscheiden läßt.

          Der Architekt distanziert sich

          Der Plan des Reeders ist, wenn man so will, aufgegangen. Die Medien tobten zwar, die Verantwortlichen schluckten zweimal, auch angesichts der erklecklichen Betriebskosten, die da auf sie zukommen, stimmten dann aber doch zu - welcher Bürgermeister, welcher Kulturpolitiker mag schon ein 335-Millionen-Präsent ausschlagen, zumal wenn es vom größten Steuerzahler im Lande kommt? Und Møller mischte sich, wie versprochen, derart tatendurstig in die Planungen seiner Oper ein, daß Henning Larsen, der Architekt, sich jetzt, pünktlich zur Einweihung des Neubaus, in teils deutlichen Worten von dem Projekt distanziert hat.

          Das erlesene Publikum freilich, das am Samstag abend zur Eröffnungsgala mit Barkassen aus der Altstadt zum neuen Opernhaus übergesetzt wurde, störte das Gegrummel kaum mehr. Den Kutter, den ein paar unentwegte Protestierer gemietet hatten, um gegen das schwer verdauliche Geschenk zu agitieren, verschluckte gnädig ein kalter Nebel, der sich am Nachmittag zwischen die Stadt und die „Operaen“ geschoben hatte.

          Und das musikalische Programm, gleichfalls von Herrn Møller höchstselbst angewiesen, war unter der musikalischen Leitung von Michael Schønwandt mit allerlei Aida-Arien, Triumphmärschen, Uraufführungsaperçus und Balletthäppchen so festlich, so heiter, so prinzessinnenkompatibel arrangiert, daß auch der letzte Nörgler verstummen durfte. Die Königin in schulterfreiem Grün jedenfalls amüsierte sich, ihrem Lächeln nach zu urteilen, prächtig, um nicht zu sagen: königlich. Und das, obwohl ihr der Reeder, nun wieder ganz Basisdemokrat, eine eigene Loge im Haus verweigert hatte.

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