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Heinrich-Schütz-Jubiläum : Starckes Gethön im Sound unserer Tage

  • -Aktualisiert am

Wo der Meister einst begraben ward, wurde seine Musik wieder lebendig: Die Capella Sagittariana singt und spielt in der Dresdner Frauenkirche Bild: David Nuglisch

In Dresden, Berlin und Kassel erinnern zum 350. Todestag Konzerte, Theaterabende und elektronische Experimente an den Komponisten Heinrich Schütz. Seine Musik zeigt die Kunst des rechten Lebens und Ablebens.

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          Nie wieder, nicht in Johannes Brahms’ zum Licht schauenden Deutschen Requiem, nicht in den lyrischen französischen Totenmessen Gabriel Faurés und Maurice Duruflés, ist die Traurigkeit des allmenschlichen Sterbenmüssens in so viel Trost und hoffend umarmender Zu­neigung aufgegangen wie in Heinrich Schütz’ „Musikalischen Exequien“ von 1635. Und vielleicht auch deswegen, weil dieser sanft-strenge Heros aus der bitteren Zeit des Dreißigjährigen Krieges da­mit auch 350 Jahre post mortem weiter zu uns spricht zwischen Nachrichten, die vorrangig politische Missionseitelkeiten, Sinnentleerungen und näherkommende Katastrophen vermelden, kamen die „Exequien“ im Gedenkjahr seines Ab­lebens öfter als seine anderen Werke in die Programme.

          An Schütz’ Todestag, dem 6. November, erklangen sie mit der nach dem Künstler benannten „Cappella Sagittariana“ („Sagittarius“ ist seine la­teinische Namensform) in der Dresdner Frauenkirche und damit an jenem Ort, in dessen Vorgängerbau er seine letzte Ru­hestätte gefunden hatte. Einen Abend vorher war der Trauer- und Trostzyklus in der gleichfalls raumgewaltigen Annenkirche durch das Sächsische Vocalensemble zur Aufführung gekommen: zwei In­terpretationen, die in ihrer markanten Unterschiedlichkeit auch die Spannweite des heute möglichen Umgangs mit seinen Klängen demonstrierten.

          Geschliffene, dabei vital zupackende Intensität kennzeichnete die Gedenkaufführung unter dem gewaltigem Kuppelbau des Architekten George Bähr. Die vier Teile der „Exequien“ wurden hier zu Eckpfeilern, um die herum der Dirigent Norbert Schuster den Gedankenkreis des Erlöst- und Befreitwerdens im Sterben mit weiteren Schütz-Werken, aber auch einer gregorianischen Antiphon und einer Motette seines Zeitgenossen Stephan Otto erweiterte – um dann diese Ganzheit mit der Cappella so spannungsvoll pulsierend aufzufächern, dass der Energiefluss mühelos selbst alle räumlichen Umschichtungen überbrückte, wenn sich verschiedene wechselchörige Formationen in die Tiefe des Chores oder auf die Emporen hinauf bewegten.

          Sängerisch agierte dabei lediglich ein Doppelquartett, acht unverwechselbare Stimmcharaktere für alle solistischen wie chorischen Passagen: ein sich gegenseitig immer neu befeuernder, leidenschaftlicher Disput über die Kunst des rechten Lebens und Ablebens.

          Das von Schütz in einer seiner Schriften eingeforderte „starcke Gethön“ wanderte stattdessen zu Teilen in die Instrumente: schnatternde Melismen der Zinken, strudelnde Un­terströme oder schäumende Wellenkämme der Streicher, feinfühlige Lichtakzente in den Theorben, alles in meist straff drängenden Tempi. Bei einer der Motetten aus seinem „Schwanengesang“, dem 119. Psalm, waren es nur die beiden Te­nöre, die sich gegenseitig anfeuerten und bekräftigten; alle anderen Stimmen wa­ren den Instrumenten anvertraut – ein auch in der Durchhörbarkeit frappierender, ganz neuartig wirkender Effekt.

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