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Konzert : Woody mit der Hupe

  • -Aktualisiert am

An der Klarinette: Woody Allen Bild: dpa/dpaweb

Seit bald dreißig Jahren tritt Woody Allen als Musiker in New Yorker Jazzclubs auf. Jetzt gab der Regisseur mit seiner Band ein Gastspiel in Berlin. Der Komiker Allen stand mit auf der Bühne - doch blieb stumm.

          3 Min.

          Natürlich kann Woody Allen schon lange nicht mehr als Freizeitmusikant durchgehen. Mitunter kokettiert er wohl noch mit diesem Status als dilettierender Jazzer, wenn er zu Beginn eines Konzertes tapfer verspricht, er werde so gut spielen, wie er eben könne. Aber das ist die vorsätzlich falsche Bescheidenheit eines Mannes, der längst auch Konzertsäle so zuverlässig füllt wie Kinos.

          Seit bald dreißig Jahren tritt Allen in New Yorker Clubs auf, hat mit seiner "New Orleans Jazz Band" Gastspiele in Paris, Rom, Venedig, Frankfurt absolviert und verlangt wie selbstverständlich horrende Honorare dafür. Nun kam er zum ersten Mal im Verlauf seiner Karriere nach Berlin, und der Veranstalter plauderte aus, ihm bleibe nur ein Butterbrot, wenn er die Gage an seinen Gast überwiesen habe.

          Gigantisches Über-Ich

          Trotz solcher Professionalitätsbekundungen ist Woody Allen aber doch kein Musiker, den man ausschließlich seiner Musik wegen hören will. Es gibt virtuosere Instrumentalisten, raffiniertere Arrangeure und, weiß Gott, charismatischere Bühnenarbeiter. Aber keiner von denen würde an einem schwülen Augustabend dreitausend graumelierte Kreuzberger und Zehlendorfer Bohemiens ins ausverkaufte Tempodrom locken. Sie sind gekommen, um den Mann zu sehen, der einmal ihr Lieblingsregisseur war. Dessen Figuren so verwirrt und pointensicher waren, wie sie es selber gern gewesen wären. Wie ein gigantisches Über-Ich steht der Komiker Woody neben dem Klarinettisten Allen auf der Bühne, und das Publikum giert danach, daß die beiden endlich miteinander zu plaudern beginnen.

          Zu behaupten, Allen spiele mit dieser Erwartungshaltung oder suche sie zu unterlaufen, wäre ein Euphemismus. Er läßt sie krachend platzen. Er enttäuscht die Hoffnungen, wo er nur kann. Er gibt sich spröde bis zur Unhöflichkeit. Es gibt keine Gags bei diesem Konzert, kein nervöses Herumgestammel, keine Witze über seinen Therapeuten, nicht einmal ein wenig "gossip" von den Dreharbeiten des jüngsten Films. Keine Pointe, nirgends. Die Leute hängen an seinen Lippen. Aber die öffnet Woody Allen nur, um sein Instrument zu spielen.

          Minimalistische Ansage

          Er hat Spaß, auch wenn er nicht so aussieht
          Er hat Spaß, auch wenn er nicht so aussieht : Bild: dpa/dpaweb

          Schlag sieben Uhr geht das Licht aus, die sechsköpfige Band betritt die Bühne. Allen nimmt schweigend, grußlos, in ihrer Mitte auf einem Plastikstuhl Platz, holt Luft und beginnt zu spielen. Die ersten Takte gehen noch im Begrüßungsbeifall unter. Das Publikum braucht einen Moment, ehe es seine Euphorie zügeln kann, und entscheidet sich dann, weil der Angebetete die Huldigungen so offenkundig ignoriert, für rhythmisches Mitklatschen. Nach der dritten oder vierten Nummer erhebt sich Woody Allen, tritt ans Mikrophon und macht eine Ansage, die sich am besten als minimalistisch beschreiben ließe. Er bedankt sich höflich für den Beifall, freut sich artig darüber, in Berlin zu sein, kündigt "New-Orleans-style-music" an und sagt dann, ehe er zurück auf seinen Stuhl flieht, er hoffe doch, der Saal werde am Konzert genauso viel Spaß haben wie er selbst.

          Vielleicht war das der ersehnte erste Scherz des Abends. Spaß? Woody Allen hat Spaß an diesem Konzert? Wie mag er aussehen, wenn er deprimiert ist? In seinen Spielpausen, während der Soli seiner Bandmitglieder, kauert er mit hängenden Schultern auf seinem Sitz. Alles Leben scheint aus ihm gewichen, ganz so, als habe er eben eine furchtbare Nachricht erhalten. Er hält den Blick gesenkt, wie um jeden Augenkontakt zu vermeiden, und fixiert einen imaginären Punkt zwischen seinen Füßen. Tatsächlich ist dort unten, verglichen mit der Bühnenshow, eine Menge los.

          Ein Bein wie ein Springteufel

          Woody Allens linkes Bein arbeitet wie ein schnurrender Kolben in einem Zwölfzylinder. Sein Fuß wippt nicht, das Bein zappelt, als wäre das Knie aus Gummi. In seinen Oberschenkel muß eine Feder eingepflanzt worden sein, die ihn immer wieder hochwirft und niedersausen läßt, in einer irrwitzigen Geschwindigkeit, die anatomisch eigentlich unmöglich sein müßte. Es ist, als trampele dieses Springteufel-Beinchen auf den Erwartungen des Publikums herum, als treibe es, Schlag für Schlag, Tritt für Tritt, Zelig und Manhattan, Hannahs Schwestern, den Stadtneurotiker und all die anderen Schattenwesen aus Woody Allens Filmen von der Bühne, aus dem Saal und aus den Köpfen der Zuhörer. Und spätestens, als drei der Bandmitglieder nach einer knappen Stunde von der Bühne gehen, um kurz zu pausieren, und eine Quartettbesetzung zurücklassen, sitzen dort nur noch vier Musiker, von denen einer eher zufällig Woody Allen heißt und im Nebenberuf Komödien dreht.

          Aber das ist nicht mehr wichtig. Jetzt schluchzt nur noch seine Klarinette, sie seufzt und bellt, jubiliert und drängt, als fließe alle Energie aus dem entfesselten Beinchen ohne Umweg über Kopf oder Herz direkt in das schwarze Instrument. Für zwanzig Minuten vergißt man gern, daß Allen nicht in einer Spelunke des French Quarter von New Orleans spielt, auch nicht in einer New Yorker Bar, sondern in einer spätsozialdemokratischen Stadthalle in Berlin. Man wippt längst selbst mit dem Fuß und begreift, was der Mann mit dem harmlosen Wort "Spaß" gemeint hat.

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