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Konzert-Mitschnitte : Video killt den Plattenvertrag

  • -Aktualisiert am

Ein Ärgernis für Künstler und genussorientiertes Publikum: Handy-Mitschnitte bei Konzerten Bild: dpa

Die Perversion des Teilens: Wenn Musiker gegen Amateur-Mitschnitte ihrer Konzerte vorgehen, ist das mehr als Eitelkeit - es geht um ihre Existenz. Und die Zuschauer bringen sich um ein ästhetisches Erlebnis.

          „Stehen Sie da bloß, oder fotografieren Sie auch?“ Diese empörte Frage eines von hinten drängelnden Handyfilmers, in dessen Bildmotiv noch ein paar Leute stören, die nur die Aussicht genießen wollen, wird man sich bald wohl auch im Publikum von Konzerten gefallen lassen müssen. Einfach nur dazustehen oder zu sitzen, zuzuhören und zuzuschauen - das ist fast undenkbar geworden in Zeiten der freiwilligen Vollüberwachung.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Kaum noch ein Popkonzert, bei dem nicht die Sicht auf die Bühne verstellt wird durch unzählige, so hoch wie möglich gereckte Arme. Die Aufnahmen, die aus diesen tausend Augen entstehen, sollen in der Regel nicht mehr sagen als: „Hey Leute, ich war dabei!“ Den Beweis stellt man am besten noch am selben Abend ins Internet. Das hat mit der Netzkultur des Teilens gar nichts zu tun, es ist meistens nur deren Perversion zur bloßen Mitteilung.

          Wirtschaftlicher und ästhetischer Schaden

          Wenn sich dagegen ein Künstler wehrt, ist das selbst schon eine Nachricht, so wie jüngst, als man las: „Pianist bricht Konzert ab“. Da hatte nicht etwa bei Keith Jarrett einer gehustet, sondern der Pole Krystian Zimerman beim Klavier-Festival Ruhr in Essen irgendwann genug davon, gefilmt zu werden. Er hatte den betreffenden Mann vorher gebeten, damit aufzuhören.

          Zimerman erklärte hinterher, er sei es leid, dass immer wieder illegale Mitschnitte seiner Aufführungen im Internet landeten. Er habe bereits Plattenverträge eingebüßt, weil die Musikunternehmen ihm sagten: „Entschuldigung, das ist schon auf Youtube.“ Und er sagte dann noch den Satz: „Die Vernichtung der Musik ist enorm durch Youtube.“

          Youtube, der große Multiplikator von Musik, als deren Vernichter? Das wirtschaftliche Argument ist aus Sicht der Künstler sicherlich das schlagendste gegen das unerlaubte Filmen und Verbreiten von Musikvideos, aber nicht das einzige. Neben den möglichen Einbußen - und gerade in der Popmusik mögen manche hier auch der gegenteiligen Meinung sein, dass jeder noch so schlechte Youtube-Fetzen die Popularität eines Künstlers steigert, allein schon durch Quantität - richten sie auch ästhetischen Schaden an.

          Widerstand regt sich

          Da ist zum einen der Zeitpunkt der Veröffentlichung: Damit das Exklusive, vielleicht auch Überraschende eines Konzertbesuchs geschützt wird, eben das Erlebnis, für das man bezahlt hat, senden Rundfunk und Fernsehen Mitschnitte meistens erst mit einem gewissen Abstand. Wenn man gleich nach dem Tourneeauftakt sein ganzes neues Programm im Netz findet, ist das wohl für keinen Künstler erfreulich. In einem Markt, auf dem Musiker ohnehin immer weniger von Tonträgern leben können und immer mehr auf Live-Auftritte angewiesen sind, ist das ausgesprochen bedrohlich.

          Und es macht eben auch einen Unterschied, von welcher Qualität ein Konzertmitschnitt ist. In den meisten Fällen erzeugen die Dilettanten an der Handkamera einfach kein Readymade-Kunstwerk, sondern eine minderwertige Wackelei. Aber die gefilmten Künstler können weder den Zeitpunkt der Veröffentlichung noch die Qualität beeinflussen. Wenn zum Beispiel ein Sänger wegen Krankheit oder aus anderen Gründen einmal nicht seinen besten Auftritt abliefert oder dieser durch einen Amateur-Mitschnitt entstellt wiedergegeben wird, sollte er dann nicht das Recht haben zu verhindern, dass davon noch in zwanzig Jahren Videos kursieren?

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