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Konzert : Komm, Schöpfergeist, aufs Podium

  • -Aktualisiert am

Der erste Amerikaner: James Levine Bild: AP

Nach einhundertvierundzwanzig Jahren leitet erstmals ein in Amerika geborener Dirigent das Boston Symphony Orchestra. Mit Mahlers Achter hat James Levine schon einmal das Feuer der Leidenschaft entfacht.

          Tradition, die nicht zuletzt auf der patriotischen Inbrunst der Amerikanischen Revolution beruht, ist für Boston zweite Natur. Deshalb sind die jüngsten Vorkommnisse so verständlich wie verwunderlich. Einhundertvierundzwanzig Jahre und dreizehn Amtsvorgänger waren nötig, bis erstmals in der Geschichte des Boston Symphony Orchestra ein in Amerika geborener Dirigent die Leitung dieser hochkulturellen Großmacht übernehmen durfte. Daß der auserkorene Maestro James Levine heißt, hätte fast genügt, um ihn in Konkurrenz treten zu lassen zu einem ungeplanten Ereignis der vergangenen Woche: dem Ende der seit mehr als einem halben Jahrhundert währenden, also angemessen traditionsreichen Pechsträhne der Boston Red Sox.

          So verbanden sich Baseball und Symphonik zum Wohle eines neuerlich selbstbewußten Gemeinwesens. Zumindest in musikalischer Hinsicht kann es auf fortgesetzte Siege setzen. Das hat auch finanzielle Gründe. Ganz im Gegensatz zu allen führenden Symphonieorchestern Amerikas kennt das Bostoner kein Defizit. Mit zweihundertachtzig Millionen Dollar hat es das bei weitem größte Stiftungsvermögen, mit siebzig Millionen das deutlich größte Budget. Der letzte Streik der Orchestermusiker, die besser bezahlt werden als alle Kollegen auf dem amerikanischen Kontinent, liegt neun Jahrzehnte zurück. Während vier der Big Five, nämlich die Orchester von Chicago, New York, Cleveland und Philadelphia, in vertrackten Gehaltsverhandlungen stecken, herrscht in Boston tiefster Arbeitsfrieden. Beneidenswert die Stadt, in der das Orchester noch unentbehrlich ist, ja, die Kulturhitliste anführt.

          Paradies mit Schönheitsfehlern

          Dennoch hat das neuenglische Musikparadies seine Schönheitsfehler. In den letzten Jahre spielte das Boston Symphony Orchestra nicht beständig auf Niveau. Allzu hörbar war die Ehe mit Seiji Ozawa, die fast drei Jahrzehnte währte, in einer wenig lustvollen Routine erstarrt. Levine - auch er kulturorganisatorisch monogam, aber nach rekordverdächtigen dreiunddreißig Jahren an der New Yorker Metropolitan Opera als Liebhaber am Pult viel begehrt - soll nun auf dem Podium und im Saal das Feuer der Leidenschaft neu entfachen.

          Wie sehr ihn das Bostoner Publikum herbeisehnte, führte es bei seinem Gala-Einstand vor, als man, noch ehe Levine den Taktstock erhoben hatte, aufsprang zur Ovation im Stehen. Es war, als wollte der wie elektrisierte Saal ihm ein "Veni, creator spiritus!" zurufen, bevor er den Hymnus, mit dem sich Gustav Mahler selbst in seiner Symphony Nr. 8 Es-Dur für die Vertonung der Schlußszene des "Faust" Mut ankomponiert hatte, in partiturgemäß impetuoser Turbulenz losbrechen ließ.

          Der Dirigent und seine Symphoniker

          Ischias und ein Tremor

          Daß Levine dabei auf einer Art antikem Barstuhl saß, gab allenfalls jenen zu denken, die sich an einige bemerkenswert offene Presseberichte des Frühjahrs erinnern. Da hatten Musiker des Met-Orchesters anonym die Nachricht verbreitet, dem Dirigat ihres Chefs sei krankheitsbedingt oft kaum mehr zu folgen. Ischias und ein Tremor in den linken Gliedmaßen, Konzentrationsmängel und eine vor allem in langen Werken nachlassende Energie hätten zur Folge, daß bisweilen der dirigentische Impuls ausbleibe.

          Aus Boston läßt sich das nicht bestätigen. Levine genehmigte sich zwischen den beiden Symphonie-Teilen zwar eine Pause, konnte sich dabei aber auf die Aufführungspraxis des Komponisten selbst berufen, der dem Orchester und dem Publikum wohl eine Chance zum kollektiven Atemholen habe geben wollen. Auch wenn Levine die derart autorisierte Unterbrechung nicht ungelegen kam, so fehlte es doch bis zum mystischen Schlußchor weder an innerer Spannung noch an äußerer Brillanz und Strahlkraft.

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