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Konzert : Boulez pur

  • Aktualisiert am

Ein Achtziger: Pierre Boulez Bild: dpa/dpaweb

Der größte lebende Komponist Frankreichs feiert seine Geburtstagsparty nicht in Paris, sondern in Berlin. Die fünf Konzerte zum Achtzigsten von Pierre Boulez gerieten zu einer atemraubenden Kette von Superlativen.

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          Die Kontrollen am Eingang ziehen sich hin. Der Botschafter beginnt seine Rede mit Verspätung. Es sei ihm Trost, sagt Claude Martin, daß, wenn der größte lebende Komponist Frankreichs seine Geburtstagsparty schon nicht in Paris, sondern ausgerechnet in Berlin feiern wolle, der Reigen der Festlichkeiten jedenfalls in der französischen Botschaft beginne.

          Tatsächlich ist Pierre Boulez von Haus aus Nestflüchtling. Die Bewegungskurven seines polyglotten Lebens verliefen bislang antizyklisch, zufallsgelenkt, dabei aber beharrlich sachbezogen und darum - wie etwa sein glorioses Geschenk an Frankreich: die Erschaffung von Ircam und der Cite de la Musique in den Neunzigern - um so nachhaltiger. Bereits 1958 zog Boulez von Paris nach Baden-Baden, um, wie er damals an John Cage schrieb, eine Weile „sehr abgeschnitten von der Welt in dieser hyperprovinziellen Kleinstadt“ zu leben.

          Hommage à Pierre Boulez

          Als SWR-Redakteur Heinrich Strobel ihn dann ein Jahr später auf seiner alten Schulbank in seinem Geburtsort Montbrison fotografierte, blickte Boulez schon wieder ernst und scharf aus dem Bild ins Weite hinaus. Es ist abgebildet in dem von Wolfgang Fink kompetent zusammengestellten, von Daniel Barenboim persönlich herausgegebenen Prachtband „Hommage à Pierre Boulez“ - dem Programmheft der fünf von der Lindenoper in Berlin veranstalteten Boulez-Konzerte.

          Auch schon seinen letzten runden wie den halbrunden Geburtstag hatte Pierre Boulez unterwegs gefeiert: mit einer Neue-Musik-Welttournee (1995) respektive einem Konzertmarathon im Londoner Southbank Center (2000). Das Berliner Jubiläumskonzertbündel geriet nun zu einer atemraubenden Kette von Superlativen. Einerseits dank der fabelhaft luzide musizierenden, gastgebenden Berliner Staatskapelle, andererseits dank des diamantenen Glanzes des gastierenden Chicago Symphony Orchestra, das unter Barenboim Mahlers Neunte und unter Boulez ein reines Bartok-Programm absolvierte inklusive des verflixten, quasi in memoriam exekutierten ersten Bartokschen Klavierkonzerts - mit Barenboim am Klavier: Mit diesem Werk hatte die Künstlerfreundschaft der beiden vor einundvierzig Jahren in Berlin begonnen.

          Der Gipfel

          Zum Gipfel indes wurde das nur aus Boulez-Kompositionen zusammengesetzte Abschlußkonzert. Temperamentvoll realisierten Yuan-Qing-Yu (Violine) und Andrew Gerszo (Elektronik) die virtuos-labyrinthischen Echo-Spiele von „Anthemes“ (1992/97). Das Ensemble Intercontemporain entfesselte unter Leitung des Komponisten eine Orgie aus Glockenklang, Anschlag und Nachhall mit „Sur Incises“ (1996) für drei Harfen, drei Klaviere, drei Schlagzeuger. Mit stehenden Ovationen quittierte ein entflammtes Publikum am Ende die Darbietung der polyphonen, multilinearen und mit Wagnerorchesterfarben erleuchteten Miniaturen der „Notations I-IV&VII“ (1980/1998) durch Barenboim und die Staatskapelle: Für einen Komponisten, der einst Opernhäuser in die Luft sprengen wollte, dafür übel mißverstanden, aber nie zum Wendehals wurde und immer heiter, aber unerbittlich blieb, wenn es darauf ankam, mag dies das schönste Geschenk gewesen sein. Er hat es sich selber gemacht. Mahlers Zweite, mit der Staatskapelle unter Boulez musiziert, wurde fürs Fernsehen aufgezeichnet. Für alles andere gilt: glücklich, die dabeigewesen sind.

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