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Konwitschnys „Idomeneo“ : Poseidon liebt keine U-Boote

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Wenn Mozarts Kreta plötzlich zu Hawaii wird: „Idomeneo“, inszeniert von Peter Konwitschny in Heidelberg. Bild: Sebastian Bühler

In Heidelberg macht Peter Konwitschny bei seiner Inszenierung von Wolfgang Amadeus Mozarts ernster Oper „Idomeneo“ manchen Spaß zu viel. Dann aber kommt das dicke Ende.

          Seinen aufrechten Gang hat der Mensch auf deutschsprachigen Opernbühnen längst eingebüßt. Er liegt, kriecht, kopuliert, wälzt sich beim Singen am liebsten vom Rücken auf den Bauch, vom Bauch auf den Rücken und stirbt alsbald. Sollte er doch einmal stehen, greift er unvermittelt zur Maschinenpistole und ballert zielgerichtet in die Runde. Mag sein, dass der Mensch von heute nur noch als Groteske akzeptabel ist, aber Mozartarien singt er dabei sicher nicht. Irgendetwas muss Peter Konwitschny, der jetzt Wolfgang Amadeus Mozarts opera seria „Idomeneo“ in Heidelberg inszenierte, also übersehen haben.

          Schon beim Betreten des Zuschauerraums wird das Publikum in Anspielung auf barockes Kulissen- und Maschinentheater von hohem Wellengang und Brandungsgeräusch empfangen. Zwischen Meer und erster Publikumsreihe liegen zwei Sanddünen auf dem zugedeckten Orchestergraben, die den Protagonisten eine nur sehr schmale und höchst instabile Aktionsfläche übrig lassen (Bühnenbild und Kostüme: Okarina Peter und Timo Dentler). Gerne gäbe man der befreiten kretischen Bevölkerung bei ihrer öffentlichen Begattung auf dem abschüssigen Streifen Sand Hilfestellung, würde die Szene nicht völlig von der musikalischen Hauptsache ablenken: der Gischt des emotionalen Wellengangs in der fulminanten Rachearie der Elektra.

          Ein Versuch, die Not zu überspielen

          Während der Chor regelmäßig durch das Zuschauerparkett auf- und abtreten muss, ist das vorbildlich engagierte, bestens disponierte Orchester unter der energischen Leitung von Dietger Holm im hintersten Bühnenteil auf einem Podest plaziert, das parallel mit dem Wellengang nach oben und unten gefahren werden kann, als säßen die Musiker in einem Schiff oder wären gar selbst eine (Klang)welle. So hübsch und überraschend diese Idee ist, so unglücklich ist sie für die Sänger, die fern vom Orchester keine Balance mit diesem erreichen können. Der Orchesterklang verschwindet nach oben in den Schnürboden, weshalb die Sänger im Vordergrund zu laut wirken.

          Aus der Not eine Tugend macht Konwitschny, wenn er den Dirigenten, der dem Orchester ständig den Rücken zuwenden muss, als Maître de Plaisir ins Ensemble integriert: ein komödiantischer Vermittler zwischen den Spiel- und Stilebenen, der sich am Ende des zweiten Aktes von Idomeneo die Partitur wegnehmen lässt, damit das Schlimmste verhindert werde, oder der Idamante und Ilia in ihrem ausufernden Liebesspiel zu Beginn des dritten Akts zur Ordnung ruft. Konwitschny durchkreuzt die Tragik oft mit amüsanten Einfällen, etwa einem U-Boot, das Idamante von Kreta wegbringen soll, aber von Poseidons Protestunwetter sofort zerfetzt wird.

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