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Kongress zur Volksbühne : Gruppentherapie im Erinnerungsschloss

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Antirassistisch, antisexistisch, feministisch, unhierarchisch und divers müsse man werden: Bei einer Kundgebung im Mai lagern Teilnehmer auf dem Rasen vor der Volksbühne. Bild: dpa

Stuhlkreis statt Findungskommission: In der Berliner Akademie der Künste wird über die Zukunft der Volksbühne diskutiert. Man ist sich einig, und genau darin liegt das Problem.

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          Man könnte ja denken: Wunderbar. Großartig. Ein Nullpunkt. Jetzt steht alles auf Anfang. Das Feld ist nach dem – erzwungenen – Rücktritt von Chris Dercon endlich frei, um über die Zukunft des Berliner Stadttheaters „Volksbühne“ zu sprechen. Aber das wäre ein Irrtum. Denn es handelt sich bei dieser inzwischen selbst in theaterfernsten Kreisen bekannten Kulturinstitution schon lange nicht mehr um ein Theater.

          Die Volksbühne ist über die heftigen Richtungskämpfe der letzten Jahre zu einem Symbol geworden. Zu einem Zeichenzentrum, auf das sich alle möglichen Seiten berufen, das instrumentalisiert, angeeignet und besetzt wird. Viel zu viele wollen viel zu vieles (und nicht zuletzt sich selbst) in diesem Haus sehen, als dass eine geordnete Diskussion möglich wäre.

          Denn wer auch immer gerade über die Volksbühne spricht, will damit meist etwas ganz Grundsätzliches sagen, meint den wiederaufflammenden Ost-West-Konflikt, die fehlgeleitete Berliner Stadtentwicklung, das Auseinanderdriften von alter, sozialkritischer und neuer, moralpolitischer Linken. Der Mythos der Castorf-Ära lastet dabei wie ein Alb auf jedem Gespräch, auch und gerade wenn es die Zukunft der Volksbühne berühren will.

          Pompöse Polemik

          In manchen Momenten des zweitägigen, von ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Hauses initiierten Berliner Volksbühnen-Kongresses wurde man das Gefühl nicht los, hier solle vor allem Trauerarbeit geleistet werden. Sentimentale Rückschau auf die goldenen Zeiten seit 1992 und Reden auf den „genialen Frank“ wurden in einer so ungebrochen panegyrischen Weise gehalten, dass man den Eindruck hatte, hier würde eines großen verstorbenen Herrschers gedacht.

          „Der geniale Frank“: Beim Volksbühnen-Kongress gedenkt man dem ehemaligen Intendanten Frank Castorf wie einem verstorbenen Herrscher.

          Die Anwesenheit des amtierenden Kultursenators Klaus Lederer (Die Linke) sowie des kürzlich von ihm berufenen kommissarischen Intendanten Klaus Dörr spornte außerdem dazu an, die intransparenten Entscheidungsprozesse bei Intendantenwahlen generell zu kritisieren und Plädoyers für basisdemokratischere und geschlechtergerechtere Auswahlverfahren zu halten.

          Die aktivistische Theaterwissenschaftlerin Evelyn Annuß nutzte die Gelegenheit in diesem Sinn, um das Zusammentreffen gleich zu Anfang als pseudoöffentliche „Alibi-Veranstaltung“ zu diskreditieren, mit der die Kulturpolitik sich vom Vorwurf der Hinterzimmerverhandlungen reinwaschen wolle. Stattdessen sei die Installation eines Beratungsgremiums aus Stadtsoziologen und progressiven (in jedem Fall nicht bildungsbürgerlichen) Intellektuellen nötig, um über eine wirklich neue, hierarchiefreie Volksbühne nachzudenken.

          Bekenntnisse zum Ensemble- oder Repertoiretheater dienten dagegen nur einer fadenscheinigen „Legitimation des Betriebs“. Widerspruch gegen ihre pompöse Polemik verbat Annuß sich mit der pädagogischen Exit-Strategie eines „im Ton bitte freundlich bleiben“. Ein Zwischenruf von Guillaume Paoli, der erst später kam und energisch daran erinnerte, dass sich die Volksbühne gerade auch dadurch auszeichnete, dass hier „keine normierte Sprache“ gesprochen wurde, hätte zu diesem Zeitpunkt schon gut gepasst.

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