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Kongress zur Volksbühne : Gruppentherapie im Erinnerungsschloss

  • -Aktualisiert am

Der Bühnenvereinschef Ulrich Khuon rief dazu auf, aus dem „Erinnerungsschloss“ Volksbühne auszubrechen und mehr über Geschlechtergerechtigkeit nachzudenken, aber dafür ist es allem Anschein nach noch viel zu früh, denn eine ganze Generation von Theatermachern und -gängern scheint sich von der – notwendigen – Entscheidung, Castorf nach einem Vierteljahrhundert abzusetzen, immer noch persönlich gekränkt und gedemütigt zu fühlen.

Die alte hauseigene Mischung aus Arbeit, Weltbild und Gesinnung, die der Theaterhistoriker Klaus Völker zu Beginn des Kongresses als Identitätsmerkmal der Volksbühne schon in früher Zeit ausmachte, erweist sich heute selbst gegenüber dem tagesmoralischen Fortschrittsparadigma als resistent. Die Erfahrung, dass man politische Existenzfragen ästhetisch aufladen und zum performativen Ereignis stilisieren konnte, sitzt tief und fasziniert nach wie vor.

Provisorische Traumabewältigung

Deshalb fiel auch während des gesamten Kongresses kein einziger kritischer Satz zu Castorf. Deshalb konnte auch über die Zukunft der Volksbühne nicht gesprochen werden. Stattdessen wurden „heilende Maßnahmen“ und „Entschuldigungen“ von Seiten der Politik gefordert. Was dabei klarwurde: Das Ganze ist keine kulturpolitische, sondern eine psychosomatische Angelegenheit. Was es hier braucht, sind Stuhlkreise statt Findungskommissionen.

Zur provisorischen Traumabewältigung hilft als kleinster gemeinsamer Nenner die Häme gegenüber dem versagenden Nachfolger. Es saß wohl niemand im Raum, der Chris Dercon nicht verachtete, der Tim Renner nicht für einen Halbdebilen hielt. Leichte Punkte auf beider Kosten waren so immer schnell gemacht, auch von Klaus Lederer, der ansonsten eine gute Figur machte, sich aber einmal zu oft damit brüstete, den Belgier aus dem Amt getrieben zu haben.

Klaus Dörr, der Erfahrungen sowohl in der freien Szene als auch in der Geschäftsführung verschiedener Stadttheater vorweisen kann, solle jetzt in den nächsten zwei Jahren vor allem den „sozialen Organismus“ des Theaters wieder hochfahren, so Lederer, damit das Theater als Theater funktioniere und vor allem die Schauspieler wieder ins Zentrum des Geschehens treten könnten.

Zwar werde er bei seiner Entscheidung den Aspekt der Diversität mitbedenken, geeignete Kandidaten aber in erster Linie nicht nach ihrer theaterwissenschaftlichen oder moralpolitischen, sondern künstlerischen Kompetenz auswählen. Dabei werde er nicht alle Erwartungen erfüllen können, sondern im Gegenteil mit seiner Entscheidung sicherlich scheitern.

Also, so Lederer in geradezu beckettscher Manier, stelle sich nicht so sehr die Frage, ob, sondern wie er scheitere. Das war das Schlusswort einer Veranstaltung, die damit zumindest ihrem unkenden Titel gerecht wurde: „Vorsicht Volksbühne!“.

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