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Kongress zur Volksbühne : Gruppentherapie im Erinnerungsschloss

  • -Aktualisiert am

Kein neuer Intendant, sondern ein neues Projekt

Stattdessen ergriff Thomas Oberender, Leiter der Berliner Festspiele, das Wort, um an die Entstehung der Volksbühne aus Arbeiterlesevereinen zu erinnern. Das hehre Zielvorhaben von 1890 sei eine „Selbsterziehung der Besucher“ durch eine geschickte Symbiose von Politik und Poesie gewesen, und auch heute dürfe der Anspruch der Volksbühne kein geringerer sein als damals.

Allerdings stelle sich in Zeiten von Pegida und Populismus zunehmend die Frage, wie sich die Kunst positiv auf das „Volk“ und seine „Bürgerbewegungen“ beziehen könnte. „Wahrscheinlich sucht die Volksbühne also gar nicht so sehr einen neuen Intendanten, sondern ein neues Projekt“ – auf diese wenig poetische, aber schlagkräftige Formel brachte Oberender das Dilemma und empfahl dem aktuellen Theater als generelles „Sendungsprogramm“, gesellschaftliche Zustände nicht allzu eindeutig darzustellen.

Mut zur Ambivalenz, ja gar zur „seelischen Aufregung“ erbat sich auch der Volksbühnen-Veteran Thomas Martin, der gewissermaßen als heroischer „Aura-Zeuge“ auftrat und vom „tiefen Schmerz“ berichtete, den viele seiner alten Kollegen empfinden würden und der sie auch davon abhielte, bei einer öffentlichen Veranstaltung wie dieser zu sprechen. Schweigen ist ja aber manchmal auch keine schlechte Strategie für die eigene Mythenbildung.

Nostalgiker gegen Strukturkritiker

Durch Publikum und Podium ging in diesen zwei Tagen ein Riss: Während die eine Fraktion nostalgisch schwärmte und von einer Rückholung der alten Recken träumte, gab die andere Fraktion selbstsicher pseudoprogressive Parolen zu Protokoll. Vor allem die inzwischen gespaltene Besetzergruppe, die das Haus am Rosa-Luxemburg-Platz vergangenen September öffentlichkeitswirksam „bespielt“ hatte, trumpfte mit strukturkritischen Forderungen auf:

Antirassistisch, antisexistisch, feministisch, unhierarchisch und divers müsse man werden. Den einzig annähernd inhaltlichen Kommentar, den irgendwann einmal jemand machte, war der Ausspruch, dass ein von Klaus Dörr eingeladenes Gastspiel von Houellebecqs „Unterwerfung“ eine „reaktionäre Arbeit“ sei.

Dass die jungen, vom umstrittenen Berliner Stadtsoziologen Andrej Holm geschulten Aktivisten das Thema der sozialen Verdrängung ins diskursive Zentrum rücken und darauf beharren, dass an der neuen Volksbühne darüber diskutiert werden sollte, ist, für sich genommen, begrüßenswert. Das Thema ist drängend und braucht gerade jetzt junge Stimmen, um angriffslustig besprochen zu werden. Aber die überhebliche, platzhirschhafte Art, mit der die Aktivisten auftreten und Forderungen stellen, disqualifiziert ihr Anliegen von vornherein und macht Dörr und Lederer ihre Abfertigung leicht.

Kleinster gemeinsamer Nenner: die Häme gegen den zurückgetretenen Intendanten Chris Dercon

„Nicht strukturell, sondern inhaltlich muss man dieses Haus jetzt durchdenken“, proklamierte dementsprechend auch Esther Slevogt vom Theater-Online-Portal „nachtkritik.de“, denn die Zeit, in der man sich affirmativ auf die Seite der „Erniedrigten und Beleidigten“ stellen konnte, sei vorbei. Darauf wandte der Kultursoziologe Wolfgang Engler kühl ein, dass Diversität kein soziales, sondern ein rein moralisches Mittelstandsprogramm sei und sich im Gegenteil keine Zukunft für dieses Haus denken lasse, in der die gesellschaftlichen „Ost-West-Konflikte“ nicht eine zentrale Rolle spielten.

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