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Komische Oper Berlin : Gewalt und Gemüt Wange an Wange

Liebe liegt in der Luft: Max Hopp als Zahlkellner Leopold Brandmeyer mit Dagmar Manzel in der Rolle der Josepha Vogelhuber Bild: Freese/drama-berlin.de

Den Nazis galt Ralph Benatzkys Operette „Im weißen Rößl“ als entartet. In Sebastian Baumgartens Berliner Inszenierung der rekonstruierten Urfassung erweist sich das Stück als herrlich aktuelles Ungetüm.

          Mit Vögeln verbindet der gemeine Opernbesucher seit Papageno und Papagena einen ungebremsten Paarungstrieb. Dass die Wirtin in der Operetten-Revue „Im weißen Rößl“ Josepha Vogelhuber heißt, ist dem Regisseur Sebastian Baumgarten, der das Stück gerade an der Komischen Oper Berlin inszeniert hat, denn auch nicht entgangen. Dagmar Manzel gibt dieser Rolle etwas Vogelhaftes, das deutlich - aber unangenehm - an Walter Bockmayers Heimatfilm-Groteske „Die Geierwally“ erinnert, auch wenn einem solche Nummern wie der Melkschemel-Jodler „Holdrijöh, Gonorrhoe!“ hier erspart bleiben.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Manzel, mit blonden Flechtzöpfen und dirndlgeschürztem Kampfdekolleté (Kostüme: Nina Kroschinske), erweitert das Vogelhafte noch um Gesten wie diese: Oberschenkel zusammendrücken, Waden nach außen grätschen und dann nach vorn beugen. Dann gleicht sie einer Brieftaube, die unter akuter Hartleibigkeit leidet. So wird ein Bereich berührt, der jenem des Paarungstriebs naheliegt. Die Pension „Im weißen Rößl“ wurde von der Bühnenbildnerin Janina Audick dazu passend als Haus mit Herzausschnitt im Giebel und braunem Anstrich gestaltet. Im linken Proszeniumsbereich gibt es noch einen häufig genutzten Verschlag mit Drehtür, wohin selbst der Kaiser (Irm Hermann) zu Fuß geht

          Kritik am Antiurbanismus der Urlaubsindustrie

          Wenn das alles wäre, was Baumgarten interessierte, so wäre es nicht gut. Dass aber der Regisseur Feuer fing, hat andere Gründe: „Im weißen Rößl“ wurde vor achtzig Jahren, im November 1930, in Berlin uraufgeführt, kurze Zeit später ein Erfolg am Broadway und unmittelbar darauf von den Nazis in Deutschland verboten. Mehrere der Co-Autoren von Ralph Benatzky, darunter Bruno Granichstaedten und Robert Stolz, waren jüdischer Herkunft; Erik Charell überdies noch homosexuell, und Robert Gilbert sympathisierte mit den Kommunisten. Das Stück galt als „entartet“ wegen des respektlosen Umgangs mit Folklore und der unverblümten Thematisierung von Sexualität. In den muffigen Bearbeitungen der Nachkriegszeit merkte man davon nicht viel, aber im Jahr 2009 wurde in Zagreb das gesamte Material der Urfassung entdeckt - und sorgte für Erstaunen.

          Vögeln hat was mit Paarungsverhalten zu tun: Dagmar Manzel und Max Hopp

          Die vom Orchestrator Eduard Künnecke verlangte Besetzung - die Erstproduktion 1930 hatte angeblich siebenhundert Mitwirkende in einem Saal für dreitausend Besucher - kann in ihrem Umfang mit der „Alpensymphonie“ (inklusive Herdenglocken) von Richard Strauss konkurrieren. Dazu kommen noch ein Folklore-Trio mit Zither, eine Blaskapelle und eine Jazz-Combo großen Stils. In Berlin wurde jetzt diese Fassung gespielt und das Orchester der Komischen Oper durch das der Berliner Verkehrsbetriebe verstärkt. Die Veränderungen im Klangbild sind gewaltig: Das Industriell-Luxuriöse, Aggressiv-Metropolitane drängt sich in den Vordergrund. In Bezug zu Versen wie „So schön wie in Wolfgang ist's nirgends auf der Erd'. Bei uns, da ist's richtig, in der Stadt ist's verkehrt“ kann man diese Musik als Kritik am Antiurbanismus der Urlaubsindustrie hören.

          Hyperventilierendes Quietscheentchen

          Von den harten Schnitten und den rüden Texten, die beschreiben, wie alle Beziehungen und Bedürfnisse des Menschen der Ökonomie unterworfen werden, war Sebastian Baumgarten allerdings so fasziniert, dass ihm zum Stück kaum noch mehr einfiel. Text und Musik sprechen für sich, die Darsteller hatten scheinbar freie Hand und - retteten die Produktion.

          Max Hopp als Zahlkellner Leopold lief zum Wahn großen Formats auf, als er besoffen vor dem Schützenverein ausrastete: Seine Stimme irrlichterte rasend schnell durch die Tonfälle von Adolf Hitler und Heinz Rühmann, so dass hier im Klang Gewalt und Gemüt Wange an Wange zu liegen kamen. Peter Renz als Sigismund und Christoph Späth als Rechtsanwalt Siedler sangen mit dem reklamehaften Charme gelglänzender Schmierigkeit in der Stimme. Mirka Wagner als Kathi von der Post hat spitzenmäßig Jodeln gelernt, Dieter Montag als Fabrikant Giesecke spürbaren Spaß gehabt am Preußen-Klischee vom Mops mit großer Schnauze. Kathrin Angerer als seine Tochter Ottilie musste Buhrufe ertragen, weil sie nicht singen kann. Gespielt hat sie, wie sie meistens spielt: als hyperventilierendes Quietscheentchen. Dagmar Manzel, gegenwärtig wohl Deutschlands Nummer eins unter den sangesfähigen Schauspielerinnen, war zwar nicht peinlich, blieb aber in all dem Klamauk unter ihren Möglichkeiten.

          Respekt für den wagemutigen Einsatz

          Die Kapelle der Komischen Oper hat unter der Leitung von Koen Schoots mit rauhbeiniger Kraft ihren Ruf als Berlins vielseitigstes Opernorchester verteidigt. Dass die Musiker verärgert sind, weil sie im aktuellen Tarifstreit mit der Opernstiftung von deren Generaldirektor Peter Raddatz künstlerisch madig gemacht wurden, kann man verstehen. Wenn man schon nicht mehr Geld bekommt, verdient man wenigstens Respekt für den wirklich wagemutigen, leistungsstarken Einsatz.

          Durch Baumgartens Regie erweist sich „Im weißen Rößl“ als schlaues Stück, das die Verhältnisse genau kennt, mit denen es sich arrangiert. In diesem Zynismus, den Preis aller Dinge zu wissen und ihren Wert zu leugnen, macht es sich die Inszenierung aber auch bequem. Sie wird großen Erfolg haben.

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