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Berlin: Weinberger und Britten : Räume, Träume, Purzelbäume

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„Nehmt Euch ihr Männer vor Frauen in Acht, auf die Eure Liebesglut Eindruck nicht macht“, singt sie im zuweilen etwas holprigen Libretto von Gustav Beer. Bei all ihrer Sehnsucht, bewundert und geliebt zu werden und doch unabhängig zu bleiben, könnte drei Jahre nach dem „Blauen Engel“ die eiskühle Marlene Dietrich Pate gestanden haben für die Figur der russischen femme fatale.Wie Würstchen erscheinen dann auch die Männer, selbst wenn sie von Dinah Ehm in schnieke Uniformen gesteckt wurden. Stefan Kurt in der Sprechrolle des General Katschalow spielt das mit unnachahmlicher Komik, Vera-Lotte Boecker singt und spielt die Lydia mit raumgreifender Würde, Tansel Akzeybeks knabenhaft-müheloser Tenor verleiht dem Major Ito die Aura unantastbarer Rechtschaffenheit, und Jordan de Souza führt das Orchester der Komischen Oper mit Schwung und Gefühl durch das Stück. In den Tanzeinlagen (Otto Pichler) werden im Stil der späten zwanziger Jahre Tennisrackets ebenso geschwungen wie überdimensionierte Federfächer, die Drehtür eines Hotels gibt Barrie Kosky, der auch hier wieder eine kurzweilige, handwerklich blitzsaubere Inszenierung abliefert, ausreichend Möglichkeit für allerhand Slapstick.

Eine schwarze Bühne mit einer riesigen Holzkiste, die sich zur bretterverschlagartigen Kulisse öffnet (Bühne: Klaus Grünberg), reicht Kosky dabei aus – und auch Ted Huffman und seine Bühnenbildnerin Marsha Ginsberg lassen es bei Benjamin Brittens „Ein Sommernachtstraum“, der zweiten Berliner Premiere des vergangenen Wochenendes, bei einer weiten, schwarzen Bühne bewenden. Ein Raum für den Traum entsteht dadurch, eine Nebelwolke in der Höhe lädt das Publikum in der Deutschen Oper dazu ein, die Gedanken ziehen zu lassen – und wieder einfangen zu lassen, von dem, was hier in eindrucksvoll geschlossener Poesie dargeboten wird. Dazu gehört Benjamin Brittens sagenhaft leicht geschriebene, stets mit der Andeutung spielende Musik. Donald Runnicles lässt sie gemeinsam mit dem Orchester der Deutschen Oper in mild getönten Farben erklingen, die Musiker lassen sich tragen, ohne ihrer Musik zu verfallen (was viel zu unnobel wäre).

Sommernachtstraum: Jami Reid-Quarrell (als Puck) und dem Kinderchor der Deutschen Oper Berlin.

Dazu findet Ted Hufman, der hier sein Berliner Regie-Debüt gibt, Bilder von kühler, seltsamer Eleganz. Die Elfen (Kostüme: Annemarie Woods) tragen harte Seitenscheitel und stecken in weißen Anzügen: eine bleiche Schülerschar des neunzehnten Jahrhunderts, gesungen vom Kinderchor der Deutschen Oper. Über deren Köpfen turnt Puck, Purzelbäume schlagend an den Seilen, die ihn über die Bühne schweben lassen. Farbe bringen die Menschen auf die Bühne: Demetrius, von Samuel Dale Johnson mit delikatem Bariton gesungen, Lysander, dem Gideon Poppe seinen beinahe schon zu feinen Tenor leiht; Jeanine De Bique, die Helena, tritt mit elfenhaft leichtem Sopran auf, Siobhan Stagg ist eine Tytania, die Strenge, Witz und Leidenschaft vereint. Von Hufmann werden sie zu äußerst differenzierter Gestik angeleitet, bei einem Auftritt wie jenem der Handwerker, die das Schauspiel „Pyramus und Thisbe“ aufführen wollen, lässt sich Hufman keine Gelegenheit für Komisches entgehen. Es gelingt ihm nicht weniger sicher als seinem Kollegen an der Komischen Oper, Barrie Kosky. Das Theaterstück führen die Handwerker schließlich als Puppenspiel auf: mit übermenschengroßen Figuren im grellroten Raum, dessen farbliche Aggressivität die Menschenwelt von Theseus’ Hof darstellt. Auch sie erscheint als Traum, als harter, roter Albtraum, den man gern hinter sich ließe, auf dem Weg zurück in Huffmans Elfenreich mit all seiner seltsamen Schönheit.

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