https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/komische-oper-berlin-fritsch-verulkt-wagners-fliegenden-hollaender-18494739.html

Oper in Berlin : Beschämende Befreiung

  • -Aktualisiert am

Stimmliche Strahlkraft in des Kerkers Finsternis: Ingela Brimberg als Leonore in Beethovens „Fidelio“. Bild: Bernd Uhlig

Zwei Opernabende in Berlin: David Hermann zeigt, wie verstörend der Schluss von Beethovens „Fidelio“ ist und Herbert Fritsch verulkt Wagners „Fliegenden Holländer“.

          4 Min.

          Der Moment der Befreiung ist einer der Scham. Florestan, der Handlung nach zwei Jahre im Erdloch gefangen, zuletzt fast ohne Nahrung, sitzt in speckiger Trainingshose und vesabbertem Unterhemd auf dem Boden. Derweil marschiert der Minister im tadellosen Anzug daher, begleitet von einer Entourage diensteifriger Sekretäre. Das Volk strömt auch gleich hinter ihnen her, Helfer bauen Absperrungen auf, allein der rote Teppich fehlt. Kaum dass er die Ketten los ist, sitzt Florestan schon in der grellen Öffentlichkeit. Nichts als verstecken will er sich, bald schießt die Scham in blanke Aggression über: den Minister geht Florestan voll verzweifelter Wut an; der wischt mit einem Ausdruck der Überraschung die Berührungsflecken von seinem Anzug.

          „Gerecht, o Gott, ist Dein Gericht“, hatte er zuvor gesungen und sich dazu als Mann präsentiert, der die gute Sache auf seiner Seite weiß: herzlich und selbstgefällig. Wo ich bin, ist die Welt in Ordnung, nun freut Euch bitteschön mal ordentlich!

          Unverständnis und Ablehnung

          Wie geht es weiter nach der Befreiung? Um diese Frage dreht sich David Hermanns Inszenierung von Ludwig van Beethovens „Fidelio“ am Ende vor allem. Sie hatte jetzt an der Deutschen Oper Berlin Premiere. Und seine Prognose ist keine gute: Dem befreiten Häftling Florestan mit seiner Opfergeschichte schlägt Unverständnis und Ablehnung entgegen. Unweigerlich muss man an den Schluss von Imre Kertészs „Roman eines Schicksallosen“ denken, wo für die Hauptfigur die Rückkehr aus dem Konzentrationslager in die Heimat zu einem Gang in die Fremde wird: unsagbar, was erlebt wurde. Und das Volk, das nun ebenfalls frei aufatmen kann, nachdem es die Knute des autokratischen Gouverneurs Don Pizarro los ist, muss mit der Freiheit erst umgehen lernen: Die Gesellschaft hat sich erst zu sortieren und überheizt unter der neuen Herausforderung. Wild und wirr gestikulierend singt der Chor seinen Schlussauftritt, in dem die Frau als Retterin des Gatten gefeiert wird.

          Mit dieser Lesart arbeitet Hermann nicht einmal gegen die Musik. Die plötzliche Wendung des „Fidelio“-Schlusses, markiert mit einem Trompetensignal, ist nicht frei von Überstürzung und Forciertheit. Mit versammelten Kräften arbeitet Ludwig van Beethoven gegen die Frage nach der Glaubwürdigkeit an, im Hohlraum hinter der Musik entdeckt der Regisseur den Spielraum für seine Interpretation. Wo Beethovens Musik hingegen ganz bei sich ist, da räumt ihr David Hermann den Platz ein, der ihr gebührt.

          Johannes Schütz, der für Bühne und Kostüme zuständig ist, lässt das gewaltige Bühnenhaus der Deutschen Oper offen, hier hinein strömt es nun aus dem frisch renovierten Orchestergraben. Donald Runnicles am Pult des Orchesters der Deutschen Oper, sorgt für warmen Fluss und für erfüllte Solidität; es gibt aber auch Probleme in der Abstimmung mit den Sängern. Beethovens Musik ist so stark und symphonisch präsent, dass dem Geschehen auf der Bühne eher symbolische als konkrete Bedeutung zukommt: Aus dieser Überzeugung heraus üben sich Hermann und Schütz in stilisierter Einfachheit. Eine mannshohe Mauer begrenzt den Gefängnisbereich, daran lehnen die Gefangenen, durch einheitliche Masken ihrer Individualität beraubt.

          Weitere Themen

          Du bist fremd, fremd, fremd

          Theaterpremiere in Zürich : Du bist fremd, fremd, fremd

          Meditation über Nähe und Distanz: Leonie Böhm verwandelt Tschechows „Drei Schwestern“ am Schauspielhaus Zürich in einen Männermonolog und fördert Erstaunliches über die Einsamkeit im digitalen Raum zutage.

          Niedere Instinkte

          Französische TV-Frequenzen : Niedere Instinkte

          Damit die Millionen nicht an eine deutsche Familie gehen: Xavier Niel besitzt Zeitungen und einen Telekom-Anbieter, jetzt hat er es auf die Sendelizenz des rentabelsten TV-Senders Europas abgesehen.

          Topmeldungen

          Kampfpanzer für die Ukraine : Leoparden auf dem Sprung

          14 Leopard-Panzer liefert Deutschland an die Ukraine. Was macht den Leopard 2 besonders und wie schlägt er sich gegen die russischen Modelle? Ein Überblick in Grafiken.
          Die lokalen Stromverteilnetze könnten zum Engpass für die Energiewende werden.

          Energiewende : Mit Anreizen gegen die Stromrationierung

          Von Tesla bis Viessmann: Unternehmen wettern gegen die geplante Begrenzung der Stromversorgung für E-Autos und Wärmepumpen. Nun präsentieren sie Ideen, wie es ohne gehen könnte. Im Mittelpunkt stehen dabei die Verbraucher.
          BASF-Anlage in Ludwigsburg: Auf seine Beteiligung an Wintershall Dea musste der Chemiekonzern  5,4 Milliarden Euro abschreiben. (Symbolfoto)

          Nach BASF-Abschreibungen : Teurer Abschied aus Russland

          BASF muss Milliarden aus dem Russlandgeschäft von Wintershall abschreiben. Auch für andere Dax-Unternehmen wird der Ausstieg aus Putins Reich noch teuer.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.