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Oper in Berlin : Beschämende Befreiung

  • -Aktualisiert am

Stimmliche Strahlkraft in des Kerkers Finsternis: Ingela Brimberg als Leonore in Beethovens „Fidelio“. Bild: Bernd Uhlig

Zwei Opernabende in Berlin: David Hermann zeigt, wie verstörend der Schluss von Beethovens „Fidelio“ ist und Herbert Fritsch verulkt Wagners „Fliegenden Holländer“.

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          Der Moment der Befreiung ist einer der Scham. Florestan, der Handlung nach zwei Jahre im Erdloch gefangen, zuletzt fast ohne Nahrung, sitzt in speckiger Trainingshose und vesabbertem Unterhemd auf dem Boden. Derweil marschiert der Minister im tadellosen Anzug daher, begleitet von einer Entourage diensteifriger Sekretäre. Das Volk strömt auch gleich hinter ihnen her, Helfer bauen Absperrungen auf, allein der rote Teppich fehlt. Kaum dass er die Ketten los ist, sitzt Florestan schon in der grellen Öffentlichkeit. Nichts als verstecken will er sich, bald schießt die Scham in blanke Aggression über: den Minister geht Florestan voll verzweifelter Wut an; der wischt mit einem Ausdruck der Überraschung die Berührungsflecken von seinem Anzug.

          „Gerecht, o Gott, ist Dein Gericht“, hatte er zuvor gesungen und sich dazu als Mann präsentiert, der die gute Sache auf seiner Seite weiß: herzlich und selbstgefällig. Wo ich bin, ist die Welt in Ordnung, nun freut Euch bitteschön mal ordentlich!

          Unverständnis und Ablehnung

          Wie geht es weiter nach der Befreiung? Um diese Frage dreht sich David Hermanns Inszenierung von Ludwig van Beethovens „Fidelio“ am Ende vor allem. Sie hatte jetzt an der Deutschen Oper Berlin Premiere. Und seine Prognose ist keine gute: Dem befreiten Häftling Florestan mit seiner Opfergeschichte schlägt Unverständnis und Ablehnung entgegen. Unweigerlich muss man an den Schluss von Imre Kertészs „Roman eines Schicksallosen“ denken, wo für die Hauptfigur die Rückkehr aus dem Konzentrationslager in die Heimat zu einem Gang in die Fremde wird: unsagbar, was erlebt wurde. Und das Volk, das nun ebenfalls frei aufatmen kann, nachdem es die Knute des autokratischen Gouverneurs Don Pizarro los ist, muss mit der Freiheit erst umgehen lernen: Die Gesellschaft hat sich erst zu sortieren und überheizt unter der neuen Herausforderung. Wild und wirr gestikulierend singt der Chor seinen Schlussauftritt, in dem die Frau als Retterin des Gatten gefeiert wird.

          Mit dieser Lesart arbeitet Hermann nicht einmal gegen die Musik. Die plötzliche Wendung des „Fidelio“-Schlusses, markiert mit einem Trompetensignal, ist nicht frei von Überstürzung und Forciertheit. Mit versammelten Kräften arbeitet Ludwig van Beethoven gegen die Frage nach der Glaubwürdigkeit an, im Hohlraum hinter der Musik entdeckt der Regisseur den Spielraum für seine Interpretation. Wo Beethovens Musik hingegen ganz bei sich ist, da räumt ihr David Hermann den Platz ein, der ihr gebührt.

          Johannes Schütz, der für Bühne und Kostüme zuständig ist, lässt das gewaltige Bühnenhaus der Deutschen Oper offen, hier hinein strömt es nun aus dem frisch renovierten Orchestergraben. Donald Runnicles am Pult des Orchesters der Deutschen Oper, sorgt für warmen Fluss und für erfüllte Solidität; es gibt aber auch Probleme in der Abstimmung mit den Sängern. Beethovens Musik ist so stark und symphonisch präsent, dass dem Geschehen auf der Bühne eher symbolische als konkrete Bedeutung zukommt: Aus dieser Überzeugung heraus üben sich Hermann und Schütz in stilisierter Einfachheit. Eine mannshohe Mauer begrenzt den Gefängnisbereich, daran lehnen die Gefangenen, durch einheitliche Masken ihrer Individualität beraubt.

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