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Oper Berlin wird 70 : Zwischen Düsternis und Sinnlichkeit

  • -Aktualisiert am

Pelléas (Dominik Köninger) und Mélisande (Nadja Mchataf) Bild: Joachim Fieguth

Die Komische Oper Berlin wird siebzig. Für das Jubiläum wird tief in das Repertoires gegriffen: Barrie Kosky eröffnet die Saison mit seiner Inszenierung von Claude Debussys „Pelléas et Mélisande“.

          Die Konkurrenz ist groß auf dem Berliner Opernmarkt mit seinen drei Häusern, weshalb man sich im Relevanzmarketing tüchtig Mühe gibt, auf die Geschichtsträchtigkeit des jeweils eigenen Hauses zu verweisen. Die Staatsoper feiert in diesem Jahr etwa den 275. Geburtstag des Operngebäudes Unter den Linden. Außerdem begeht man dort Silberhochzeit: Seit fünfundzwanzig Jahren ist Daniel Barenboim an der Staatsoper tätig, im November feiert der Dirigent außerdem seinen fünfundsiebzigsten Geburtstag. Auch das will begangen sein. Die Komische Oper lässt sich da nicht lumpen und erinnert in dieser Spielzeit daran, dass sie immerhin siebzig Jahre alt wird. Was auch den Vorteil mit sich bringt, dass in fünf Jahren noch einmal gefeiert werden kann. Gedacht wird der eigenen Geschichte unter anderem mit Neuinszenierungen zweier Werke, für deren Interpretation das Haus besonders stilbildend und erfolgreich war: Jacques Offenbachs „Ritter Blaubart“ und Jerry Bocks Musical „Anatevka“, beide einst inszeniert von Walter Felsenstein.

          Siebzig Jahre: Da wird man wohl einmal durch sein mit den wichtigsten und populärsten Stücke des Opernrepertoires, soweit sie der programmatischen, wagnerskeptischen Ausrichtung des Hauses entsprechen. Jedoch eröffnete Barrie Kosky die neue Saison nun mit einem Werk, das – man vernimmt es staunend – an der Komischen Oper noch nie gespielt worden ist: „Pelléas et Mélisande“ von Claude Debussy. Uraufgeführt an der Pariser Opéra comique, in Berlin erstmals zu hören 1908 in der von Hans Gregor privat betriebenen „Alten Komischen Oper“ in der Friedrichstraße. Mit dem heutigen Haus an der Behrenstraße hat sie nichts zu tun. Ein komisches Stück ist „Pelléas et Mélisande“ nicht. Auch bei Barrie Kosky nicht, dessen große Begabung das Heitere ist, wenngleich er – mit Jean-Philippe Rameaus „Castor et Pollux“ oder Peter Tschaikowskys „Jewgeni Onegin“ – bereits bewies, dass er sehr ernst sein kann. Nur einmal wird gelacht am Premierenabend, als der kleine Yniold seinem Vater Golaud vorführt, welcher Art die Zärtlichkeiten waren, die er zwischen Pelléas und Mélisande beobachten durfte. Das Kind, gesungen und gespielt von Gregor-Michael Hoffmann, busselt das Gesicht seines Vaters ab, von links, von rechts, von hinten über die Schultern und von vorne. Das sieht so unschuldig und komisch verspielt aus, wie es wohl kaum gewesen sein kann.

          Es herrscht strikte Düsternis

          Doch sonst herrscht an diesem Abend strikte Düsternis. Die symbolistische Modellhaftigkeit von Maurice Maeterlincks Theaterstück, das Debussy hier zur Oper machte, unterstreichen Kosky und sein Bühnenbildner Klaus Grünberg zusätzlich und lassen die Figuren auf einer Art Miniaturbühne auftreten. Kaum zehn Meter breit ist sie und ebenso hoch. Wie bei einem barocken Bühnenaufbau verjüngen drei gestaffelte Prospekte die Perspektive. Aus den Zwischenräumen treten die Sängerinnen und Sänger auf, oder besser: Sie ziehen vorüber. Wie beim Glockenspiel auf dem Münchner Rathaus fahren die Figuren des Stückes vorbei, in trauriger Verlangsamung, gleichwohl mit der Möglichkeit, herabzusteigen vom sich drehenden Boden.

          Dass es bei dieser schwarzgrauen Bühne bleiben wird, ahnt man schnell – und hat durchaus Grund, dies zunächst als Drohung zu verstehen. Weil hier nichts zu sehen ist von all dem, wovon die Figuren erzählen – vom Wald, dem Meer, der Quelle –, verweist diese Inszenierung umso stärker auf das, was sich im Orchestergraben regt. Eigentlich eine feine Idee, mit der ein sympathisches Vertrauen in die Strahlkraft von Debussys Musik zur Gestalt drängt. Jedoch tut sich das Orchester der Komischen Oper schwer. Die Musik will nicht atmen, Probleme in der Abstimmung zwischen den Instrumentengruppen trüben das Bild, auch Schwierigkeiten mit der Intonation.

          Wenig Erfahrung mit Debussys Musik

          Das Ensemble hat wenig Erfahrung mit Debussys Musik; und Jordan de Souza, der sich hier als neuer Kapellmeister des Hauses vorstellte und später von einem Fanclub auf dem zweiten Rang lautstark gefeiert wird, konnte diesen Mangel während der Proben nicht beheben.

          Jedoch hilft die zunehmende Dramatik des Stückes. Der Ton aus dem Orchestergraben wird straffer und präziser, je enger die Bühne zu werden droht. Bald erscheint sie entsetzlich eng. Mélisande, von Nadja Mchantaf kraftvoll aus Maeterlincks Traumwelt in die Realität geholt, erscheint bei Kosky als einzige Figur des Stückes, die Sinnlichkeit zulässt und sie einfordert. So, wie sie stets kniefrei auftritt und mit gespreizten Beinen über den Boden robbt, könnte man sie fast für ein Flittchen halten. Dadurch aber wird sie zum grellen Gegenbild: für den hölzernen Golaud (mit gekonnt kalkulierter Ruppigkeit gesungen von Günter Papendell) und für dessen Halbbruder Pelléas, der bei Kosky fortwährend in verknoteter Haltung aufzutreten hat, als unterdrücke er krampfhaft ein heftiges Bedürfnis. Dominik Köninger singt und spielt ihn als einen Empfindsamen, der vor der Freiheit – verkörpert durch Mélisande – zurückschreckt und sie doch ersehnt.

          Dass der leblose, blutbefleckte Körper von Mélisande schließlich mit der Drehbühne in die Kulissen geschoben wird, umgewälzt und auf Richtung gebracht von den Bühnenprospekten, die im Wege stehen, das ist das Bild des Abends. Wie ein Tierkadaver wird Mélisande entsorgt, während König Arkel noch über die Seele philosophiert. Dass die artifizielle Weltsicht von Maeterlincks Symbolismus spätestens im Angesicht des Todes etwas Unmenschliches haben kann, darauf macht dieses Ende eindrucksvoll aufmerksam.

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