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Komisch Oper Berlin : Herrenschokolade für Doktor Freud

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Ein Tusch am Ende des Mozartjahres: Hans Neuenfels hat an der Komischen Oper Berlin mit Psychopomp und ohne Heissa-Hopsassa seine Version der „Zauberflöte“ abgeliefert. Am Ende viel Buh, viel Bravo.

          Im Mozart-Jahr ist sie bisher nicht aufgefallen. Während rund um die „Gans von Kairo“ fast alles frisch gerupft, neu gewürzt und eifrig gefuttert wurde, was Mozart der Musikbühne zugedacht hat, blieb „Die Zauberflöte“, was sie schon immer war: ein Klassiker der Opernspeisekarte, der immer und überall ankam, auch wenn jeder Koch ihn ein bißchen anders zubereitete. Mal schmeckte sie nach Purgatorium, mal roch sie nach Zirkus. Man konnte sie als schwerverdauliches Antiautoritätsmenü bestellen oder als leichtverdauliche Soap. Besonders beliebt war sie als Kinderportion. Die Kasse stimmte am Ende immer.

          An Berlins Komischer Oper, die sich gerne als Hexenküche des Regietheaters versteht, hat Hans Neuenfels Mozarts letzte Oper jetzt vollständig auseinandergenommen, neu zusammengesetzt und mit vielen Zutaten garniert. So ist sie noch nie serviert worden. Das Rezept stammt von Max Ernst, vielleicht auch von Beckett. Aber natürlich hat Neuenfels vieles beigelegt, was er selbst gerne mag.

          Ein sanft geschwungener Phallus

          Die Zauberflöte ist diesmal nicht irgendein blasbares Instrument, sondern ein etwa ein Meter langer, sanft geschwungener Phallus, den sich die Beteiligten zärtlich über die Brust legen können. Er sieht nach lackiertem Eichenholz aus, ganz wie es im Libretto steht. Er stammt gleichermaßen aus einem Antiquitätenladen wie von Beate Uhse und ist mit dieser Herkunft durchaus typisch für zwei Pole der Neuenfelsschen Phantasie. Das Glockenspiel, dessen Klingeling in anderen Aufführungen auf einem Initiationsweg schützt, haben sich der Regisseur und sein Ausstatter Reinhard von der Thannen als Pendant dazu gedacht: Es besteht aus locker baumelnden Hoden, die, wie im wirklichen Leben, in manchen Notsituationen aktiv werden. Auch um ein paar schwule Süßigkeiten sind die beiden nicht verlegen. Von „Herrenschokolade“ ist die Rede, und ein alter Priester krauelt Taminos Kreuselhaar mit brillantenschwerer Hand, während er, wiederum ganz librettokonform, freimaurerische Lebenseinsichten vermittelt: „Ein Weib tut wenig, plaudert viel.“

          Es ist also viel pubertärer Quark in dem, was uns Neuenfels vorsetzt. Es ist aber auch viel Genialisches darin. Denn die Aufführung erschöpft sich nicht in Pennälerwitzen. Sie lebt, in ihren besseren Momenten, aus blitzartig erhellender Verfremdung. Sie kalauert oft doof, aber sie kommentiert ebenso oft brillant. Zum Beispiel, wenn es um Mozarts todestrauriges g-Moll geht. Das umflort bekanntlich nicht nur Paminas Liebesleid, sondern auch schon die erste Arie der Königin der Nacht. Deshalb läßt Neuenfels diese Dame zwar im Sternenglitzerkleid auftreten, aber als Symbol des Siechtums: Sie wankt durchs Koloraturgebirge wie der Wagnersche Amfortas zur Gralsenthüllung. Sie reißt sich blutend die Hand vom Arm und das Herz aus dem Leib. Auch „Parsifal“ ist ein Stück über Prüfungen und Selbsterfahrung. Und wie der späte Wagner, so zeigt uns plötzlich der späte Mozart: höchste Verfeinerung und Verfall einer Kunst liegen nahe beieinander.

          Collage als Credo

          So kann man in dieser Königin ein Symbol für den Montagecharakter der „Zauberflöte“ sehen: entspannte Märchenpoesie und überspannte Seria-Tradition, Collage als Credo. Immer wieder setzt Neuenfels mit erfinderischer Werktreue um, was der Musikwissenschaftler Stefan Kunze auf die Formel brachte, die „Zauberflöte“ sei ein „fortgesetzter Stilbruch“. Zum Finaljubel schwenkt der Chor Brot und Wein: Es stimmt, das Stück hat eine religiöse Dimension. Oder sind es doch bloß Beaujoulais und Baguette, was wir sehen? Die „Zauberflöte“ als eine Zwischenmahlzeit?

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