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Das Tanzstück „Vessel“ in Paris : Körperstil

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Androgyn ist Trumpf beim neuen Tanzabend im Pariser Théâtre Chaillot: Die sieben Akteure in „Vessel“ bewegen sich auf einem dünnen Wasserfilm. Bild: F.A.Z.

Berührend, ironisch und komplex: Damien Jalets Choreographie „Vessel“ vereinigt jene Eigenschaften in sich, in denen sich den Menschen große Kunst offenbart.

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          Im mit 1250 Plätzen ausverkauften „Salle Jean Vilar“ des Pariser „Théâtre National de la Danse Chaillot“ am Trocadéro wird es stockdunkel auf den steil ansteigenden Zuschauerrängen. Jemand hustet. Noch jemand hustet und niest. Da lacht und applaudiert das Publikum im ganzen Saal, unbeeindruckt von der Bedrohung durch Covid-19.

          Dann beginnt „Vessel“, das der Choreograph Damien Jalet, seit dieser Saison „Artiste associé“ am Haus, in Japan geschaffen hat und nun durch Europa tourt. Elektronische Stürme des jungen japanischen Komponisten Marihiko Hara durchwehen das Haus, als wären wir alle ausgesetzt auf einem japanischen Berg und würden Zeugen eines buddhistischen Rituals. Wenn sich der schwarze Vorhang hebt, irrlichtert eine geisterhafte Form über die Bühne, wie eine Aura, eine in mysteriöse Nebel gehüllte Invasion. Wenn es heller wird, zeigt sich der große kahle, von dunklen Vorhängen abgeschlossene Bühnenraum in seiner ganzen Schönheit, knöcheltief unter dunkles Wasser gesetzt. Kohei Nawa heißt der junge japanische Bildhauer, der diese Bühnenbildinstallation für Jalet geschaffen hat. Sieben Tänzer befinden sich im Wasser um die Insel herum. Drei Paare haben ihre Glieder so ineinander verschränkt, dass ihre Köpfe nicht zu sehen sind, allesamt nackt bis auf hautfarbene Slips. Doch welches Geschlecht sie haben, ist hier ohne Bedeutung.

          Virtuoser als jede Generation vor ihnen

          „Vessel“ bedeutet Gefäß oder Boot. Um das Übersetzen von einer Welt in die andere geht es während der einen Stunde, in der man Zeit und Raum, Umgebung und alles vergisst. Es geht um Geburt und Tod, um Reinigung und Erneuerung. Das still liegende, sich kaum kräuselnde und nur selten durch raschere Bewegungen der Tänzer aufspritzende Wasser ist die Flüssigkeit, aus der das Leben auf der Erde entstand. Es ist aber auch das Wasser des Flusses Styx, über den die Toten in ihr Reich gelangen. Es ist interessant, wie Jalet das tiefe menschliche Bedürfnis nach Einbindung, Einübung ins Unvermeidliche, in eine künstlerische Erfahrung verwandelt. Das Publikum schenkt allen auf der Bühne lang anhaltenden, ernsten Applaus.

          Die Werke Jalets lassen sich schwer kategorisieren. Und das schenkt paradoxerweise Hoffnung in einer für den Tanz ambivalenten Situation. Denn der klassische Tanz befindet sich in einer prekären Lage. Zwar sind die Tänzer der Gegenwart technisch virtuoser als jede Generation vor ihnen, aber es gelingt ihnen kaum, außerhalb der Kreise, die sich für das Ballett des siebzehnten bis 21. Jahrhunderts interessieren, wahrgenommen zu werden. Wenn die Öffentlichkeit Ausnahmen macht, dann für jemanden, dessen Leben außerhalb der Ballettsäle und Opernhäuser spektakulär erscheint: Sergei Polunin wird porträtiert, weil er eines Tages – damals fast noch ein Teenager und schon ein Star am Royal Ballet in London – spurlos aus dem Studio verschwand und sein Leben danach eine ganze Weile so aussah, als würde es sich im Betreiben eines Tätowierladens und dem Konsum illegaler Substanzen erschöpfen.

          „Vessel“ von Damien Jalet, Pariser Théâtre Chaillot. Bilderstrecke
          Damien Jalet : „Vessel“ in Paris

          Umgekehrt proportional bewundert wird der zeitgenössische Tanz. Das Theatertreffen in Berlin lädt Tanz ein! Die Kuratoren der großen Kunstausstellungen lieben ihn! Tate Modern, die Biennale von Venedig oder die letzte Documenta – überall erregen Choreographen wie William Forsythe oder Tino Sehgal Aufsehen. Hollywood lässt seine digitalen Filmmonster das Laufen bei zeitgenössischen Choreographen erlernen, Keira Knightley oder Tilda Swinton lernen von den in vielen Bewegungskünsten geschulten Tänzern. Beyoncé und Jay-Z drehten ihr Video „Apeshit“ 2018 im Louvre in einer Choreographie des Belgiers Sidi Larbi Cherkaoui. Es ist kein Zufall, dass Jalet, der inzwischen ähnliche Erfolge in der Kunst-, Film-, Pop- und Theaterwelt feiert wie Cherkaoui, einer von dessen engsten künstlerischen Weggefährten ist.

          Wer über den Einfluss des Tanzes auf das Schauspiel, das Verschwimmen der Grenzen zwischen Theater, Performance, bildender Kunst und Tanz nachdenkt, über das Bild des menschlichen Körpers, das in dieser Kunst untersucht, geprägt und verändert wird, den muss das Werk Damien Jalets faszinieren. Mit Cherkaoui zusammen choreographierte er 2010 „Babel“ mit einer Installation des britischen Starkünstlers Antony Gormley. Es ist das Stück unserer Zeit, indem es den Einfluss der Sprache auf unsere Auffassung von Identität, Nationalität und Religiosität untersucht, in hinreißenden Tanz und aberwitzige Dialoge verpackt, berührend, ironisch und komplex.

          „Vessel“ stammt erkennbar aus derselben künstlerischen Hand. In der Tat ist es kein Tanz, der um eine zu entwickelnde Formensprache getanzt wird; es ist der kraftgeladene, authentische, körperliche Ausdruck, der Jalets Arbeit so interessant und komplex macht. „Vessel“ rührt das Unbewusste an. Es erinnert unser Körpergedächtnis an die frühe Geschichte der Menschheit, an Rituale, die uns mit der Erde, der Natur verbinden, und miteinander. Es drückt unsere Sehnsucht aus nach einer Welt, die von den schädlichen Einflüssen des Menschen frei wäre. Es ist spirituell, denn es zeigt Wesen, die eins sind mit sich und ihrem Ursprung. Es ist fremd, rätselhaft, poetisch. Das sind sehr viele Eigenschaften, die das definieren, was wir große Kunst nennen.

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