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„König Lear“ in München : Die Luxustöchter wollen an die Macht

Thomas Schmauser als King Lear und Samouil Stoyanov als Kent Bild: Arno Declair

Die Münchner Kammerspiele eröffnen mit Thomas Melles „König Lear“ eine neue Sicht auf ein altes Bravourstück über Macht und Geschlecht und die Masken der Moral.

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          Im „Lear“ gewesen. Gelacht. So wie in dieser Spielzeiteröffnung der Münchner Kammerspiele hat man die Tragödie von König Lear noch nicht gesehen. So jung noch nicht, nicht so witzig und nicht so entschlossen in die Gegenwart und ihre hitzigen Debatten gestemmt. Dieser König hat die Taschen und die Nase voll von seinem Job. Nun will er aussteigen. Ein aufgeplusterter Paradiesvogel stolziert Richtung Vorruhestand. Ein bisschen schmierig-schwammig, ein bisschen speckig-verlebt, aber sonst noch ganz gut beieinander. Thomas Schmausers König Lear zu Beginn des Abends: jeder Zoll ein Pfau.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Die getönte Nickelbrille hat er von John Lennon, der exaltierte Anzug ist der reinste Urwald: riesige weiße Blüten auf grünem Grund, dazwischen Kakadus, als hätte ihn ein durchgeknallter Botaniker auf Ecstasy geschneidert. Schmauser, Jahrgang 1972, ist kein ehrwürdiger Greis, sondern ein völlig verpeilter Papa. Dieser Lear liebt die siebziger Jahre, Camp und Retro, Florida und Las Vegas. Vermutlich nimmt er Drogen. Seine Töchter liebt er nicht.

          Achtung, wir können Origami!

          Der Schriftsteller Thomas Melle hat das Rätsel des „King Lear“ in seiner freien Bearbeitung des Stücks auf eigene Weise gelöst: Die große Frage, warum dieser Herrscher ohne Not auf Reich und Macht verzichtet und Britanniens Krone unter seinen drei Töchtern aufteilen will, interessiert Melle gar nicht so sehr. Für ihn sind Regan und Goneril (neben Edmund, dem Bastard) die Schlüsselfiguren der Tragödie, die undankbaren, die herzlosen, die bösen Töchter. Bei Shakespeare nehmen sie alles und geben nichts. Bei Melle nehmen und geben sie alles für ihre Mission, denn sie sehen sich als die blutbefleckten Werkzeuge des historisch Notwendigen: Sie wollen den Systemwechsel herbeiführen, das Patriarchat beenden, dem Feminismus zum Sieg verhelfen. Männer sind für sie Abschaum, Idioten, Pappkameraden. Spielmaterial also, das nach Lust und Laune zusammengefaltet, aber immerhin vorher gewarnt wird: „Achtung, wir können Origami!“

          Ein Kifferkönig: Thomas Schmauser als King Lear

          „Das Gute, das wir versuchen“, so die beiden Schwestern, sei „gleiches Recht für alle Klassen, Farben und Geschlechter“. Angesagte Identitätspolitik und Menschenrechts-Universalismus als heißes Projekt kaltherziger weißer Königstöchter – die ironische Pointe dieser Wendung ist Melle keineswegs entgangen. Souverän geht er mit den Widersprüchen und offenen Fragen seiner Übertragung um. Wenn Regan und Goneril sich kurzerhand und auf repräsentationspolitisch nicht ganz lupenreine Weise zu Sprecherinnen der „Schwachen“ erklären, kontert ein konsternierter Lear: „Ihr! Es waren Glitzerburgen, in denen ihr aufwuchst!“ Melle modernisiert Shakespeares Sprache, arbeitet mit freien Rhythmen und Binnenreimen und nimmt sich die Freiheit, in den Text einzugreifen, wann immer es ihm gefällt. Für zusätzliche Überraschungen sorgen Annabelle Witts schräge Kostüme und Stefan Puchers Regie, die konzentriert und zügig beginnt, dann aber im Verlauf des Abends unter der Last von allzu vielen Effekten und Kabinettstückchen ausfranst.

          Lear, der alte Dealmaker

          Melle betreibt Aktualisierung mit Augenmaß. In diesem Sinne ist Melles Lear Populist. Und ein Dealmaker: Macht gegen Liebe, heißt das Geschäft. Cordelia lässt es platzen. Bei Shakespeare ist sie die jüngste, bei Melle die älteste Tochter. Eine Änderung aus gutem Grund, wie sich im Laufe des zweieinhalbstündigen Abends zeigen wird. Der „Lear“ ist – unter anderem – ein Vater-Töchter-Drama. Mütter kommen schlicht nicht vor. Melle ändert das und macht aus dem Grafen von Gloster eine Gräfin, die Regisseur Pucher mit Wiebke Puls ideal besetzt hat. Eine Grande Dame in Altrosa. Bei Wiebke Puls kann man sehen, was sich in auf politischen Bühnen bestenfalls erahnen lässt: Der Hosenanzug ist das Ballkleid der Realpolitikerin.

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