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„König Lear“ am Burgtheater : Trockenfutter für Shakespeares Bestien

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Jetzt liebt mich endlich! Nein, wir befinden uns hier nicht inmitten eines keltischen Kostümfests, sondern sehen Klaus Maria Brandauer als König Lear dabei zu, wie er zum Wahnsinnigen mutiert Bild: Reinhard Maximilian Werner

Klaus Maria Brandauer und der Regisseur Peter Stein waren die wunderbarste Theaterpaarbildung der vergangenen Jahre. Bringt „König Lear“ ihren Lauf ins Stocken?

          Der alte Mann hat einen herrlich großen Kopf, in dem er die ganze Welt mit allen ihren Schlachten, Kriegen, Träumen und Wahnsinns- und Schicksalslüsten als einen ungeheuren Schatz birgt. Dass die Welt draußen, die er ganz in sich hat, ihn nicht versteht, versteht er nicht. Also verliert er den Kopf - und mit ihm die Welt. So spielte Klaus Maria Brandauer in Peter Steins grandioser Berliner Schiller-Inszenierung 2007 den Wallenstein.

          Der alte Mann versteht sehr gut, dass die Welt ihn nicht verstehen kann. Denn sie ist mit allen ihren Finten, Lüsten, Verbrechen, ihrer Gier und ihren Sündenfällen nur seine Kopfgeburt. Und wenn diese Kopf-Blase platzt, sprengt sie ihm den Kopf. Und treibt ihn ins Nichts. So spielte Klaus Maria Brandauer in Peter Steins hinreißender Berliner Kleist-Inszenierung des „Zerbrochnen Krugs“ 2008 den Dorfrichter Adam.

          Werdegang eines Ausgestoßenen

          Der alte Mann versteht nicht, wozu er auf der Welt ist. Er hat den Vater erschlagen, die Mutter geheiratet und mit ihr Kinder gezeugt. Als das rauskam (und er hat es selbst herausgefunden in einem großen Kriminalprozess, den er gegen sich anstrengte), hat er sich geblendet, die Augen ausgestochen, wurde vertrieben, aber am Ende zum Spielball staatlicher Interessen, denn der Ausgestoßene, Verbrecherische soll jetzt plötzlich ein Segen sein, das kommende Grab des Abscheulichen eine heilige Stätte.

          Man balgt sich um seinen prospektiven Leichnam. Das will ihm schier den Kopf zerreißen, in dem er nur noch mühsam letzte Weltreste sortiert. So spielte Klaus Maria Brandauer 2010 in Peter Steins überwältigender Salzburger Sophokles-Inszenierung den „Ödipus auf Kolonos“.

          Von Beginn an kopflos?

          Der alte Mann will eine ganze Welt unter seinen drei Töchtern verteilen, die er im Kopf und in der Hand hat. Wofür sie nichts anderes tun müssen, als ihm sagen, wie sehr sie ihn über alles in der Welt, die er ihnen gleich schenken wird, lieben. Die beiden älteren Töchter, Goneril und Regan, bringen das flott über die Lippen, die jüngste, Cordelia, nicht. Sie wird verstoßen, ihr Weltteil ihr genommen, die älteren Schwestern kriegen alles. König Lears Kopf ist beleidigt.

          Ein Schauspiel In der Ur-Pelzfassung: Goneril (Corinna Kirchhoff), der Herzog von Albany (Dietmar Koenig), Cordelia (Pauline Knof), Lear Klaus (Maria Brandauer), der Herzog  von Cornwall (Martin Reinke) und Regan (Dorothee Hartinger)

          Aber so, wie Klaus Maria Brandauer jetzt als Titelheld von Shakespeares „King Lear“ das Wiener Burgtheater betritt, wie er sich unter einem mit gigantischen, neutralen Quadern bühnenhochgemauerten Portal plaziert, das vor einem riesigen, leeren, leicht blau getünchten Raum ein Allerweltsgemäuer ist, das der Bühnenbildner Ferdinand Wögerbauer da hingestellt hat, scheint es, als habe der alte König seinen Kopf längst verloren beziehungsweise nie besessen, schlimmstenfalls in der Garderobe vergessen.

          Viel Spaß und wenig Untergang

          Dafür trägt er auf dem Kopf, wie übrigens die meisten Herrschaftsherren auf der Bühne auch, eine langzottige Perücke, später eine weitgeschnittene Pudelmütze, die ihm das An- und Aussehen einer Art Ur-Hippie gibt, der in seinem langen Zottelpelz ausschaut, als sei er, wie übrigens das andere bezottelpelzte Personal auf der Bühne auch, in einem altbritischen Edel-Comic gelandet: Shakespeare bei den Pikten. Würden irgendwo Asterix und Obelix auftauchen, man wäre nicht sehr überrascht.

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