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Kölner „Ring“ in Shanghai (6) : Weltdesaster: Die Souffleuse brennt!

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Lieber reich und glücklich als arm und arbeitsam, denkt Alberich, der Bösewicht Bild: Oper Köln

Wagners Musik versöhnt das Unversöhnbare: Nach zehn Tagen stundenlanger Wagner-Dröhnung in Schanghai fühlt sich Elke Heidenreich durchlässig. Und glücklich. Der Kraftakt, den „Ring“ der Kölner Oper in einem so fernen Land auf die Bühne zu stemmen, ist gelungen.

          Am Abend vor der Oper eine seltsame Szene: Zwei Männer wollen händeringend einen dritten daran hindern, in „Siegfried“ zu gehen. Der Dritte ist jener, der nach der „Walküre“ mit Herzrasen in die Klinik musste. Er soll, erzählt man, mit dem Ruf „Heute Siegfried!“ erwacht und davongestürmt sein. Nun fürchten sie um sein Leben! Müssen sie nicht. Mit „Siegfried“ geht es ja vergleichsweise freundlich los. Am Ende allerdings, klagen die Techniker, braucht der vierzig Minuten, um die Frau richtig wachzukriegen! Heute ist es so voll, dass noch Stühle dazugestellt werden müssen und die ersten Schwarzmarktkarten kursieren.

          Jeden Abend donnernder Applaus, nur einer buht immer: bei jedem Sänger, beim Orchester, beim Dirigenten: buh, buh, buh. Der sitzt siebzehn Stunden Musik ab, um persönlich Richard Wagner fertigzumachen. Den knöpf ich mir morgen vor und erzähle ihm von der Kölner Stadtverwaltung, die auch nicht begreift, was für ein Weltklasseorchester sie hat, und die in dumpfer Provinzialität das alles hier gar nicht ahnt. Buh, buh. Und dann empfehle ich dem Buhmann und den Kölner Kultur-Ignoranten, doch mal in Schanghai in den schönen Zhuozhengyuan-Park zu gehen, den „Garten des bescheidenen Beamten“, ein bisschen aufs Gras zu blicken und nachzudenken.

          Der Besserwisser aber schäumt

          Den Besserwisser, der mir zu jedem Text schreibt, was ich alles falsch mache, können sie gleich mitnehmen. Zu sechst sitzen wir mit vier Laptops in einem winzigen Kellerbüro ohne Fenster, da kann man schon mal Fafner und Fasolt verwechseln, zumal, wenn die Seele so aufgewühlt ist. Der Besserwisser aber schäumt. Buh, buh. Wir genießen unsere chinesische Mehrfachsteckdose, aber bei der „Götterdämmerung“ müssen wir sie leider wieder abgeben, sie wird in der Maske für die Lockenwickler gebraucht. Schön soll die Welt untergehen.

          Bei „Siegfried“ brennt die Souffleuse an, sie muss zu dicht am Scheinwerfer stehen. Wir sind jetzt alle ziemlich runtergefahren, die Anspannung war und ist riesig, nur Horst Sülzen ist gelassen wie immer. Nachher, sagt er, proben wir schon mal den Regen. Wasser im Theater! China sagt nein, Horst Sülzen schafft es, dass es beim Weltuntergang ordentlich regnet. Gegen Sülzen hat China keine Chance. Wenn die zweite Staffel des „Rings“ in Schanghai durch ist, fährt die Oper mit „Don Giovanni“ nach Peking. Da, sagt Sülzen, haben sie jetzt schon die Waffen beschlagnahmt, mit denen im „Giovanni“ gedroht und gemordet wird. Sollen sie doch. Er hat einen Neffen in Peking, der hat schon im Supermarkt Plastikpistolen besorgt.

          Im „Ring“ geht es jetzt nur noch bergab

          Ich sitze für einen Augenblick hinten auf der Weltesche und atme durch. Zehn Tage die stundenlange Wagner-Dröhnung macht durchlässig. Und glücklich. Was für eine Kraft in dieser Musik, was für ein Kraftakt, das alles in einem so fremden, fernen Land auf die Bühne zu stemmen, und wie viel Leidenschaft, Begeisterung, Dankbarkeit schlägt den Künstlern jeden Abend entgegen – von den Chinesen, die eine Kulturrevolution erleiden mussten und diesen „Ring“ zum ersten Mal in ihrer Stadt sehen und hören. Das ist jede Anstrengung wert. Im „Ring“ geht es jetzt nur noch bergab, Weltuntergang ab 17.30 Uhr: die Götter entthront, der Schicksalsfaden gerissen, Brünnhilde betrogen, die Welt schlittert ins Desaster. Viel Publikum kommt zu spät, man muss länger arbeiten, aber es wird auch der allerletzte Platz besetzt, und wir sind nicht mehr in Schanghai; wir sind irgendwo, wo die Musik uns hinträgt und uns rettet vor dem Zerfall, dem wir zusehen. Wagners Musik versöhnt das Unversöhnbare.

          Todmüde im Taxi zum Hotel: Der Fahrer ohrfeigt sich selbst und schlägt ständig mit dem Kopf aufs Lenkrad, um wach zu bleiben. An jeder Ampel schläft er ein und wird durch Hupen geweckt. Tag, Nacht, geregelte Arbeitszeit, gibts nicht. China boomt 24 Stunden am Tag. Götterdämmerung.

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