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Kölner „Ring“ in Shanghai (5) : Ein Menschenleben in Chinas Bauboom? Pah!

  • -Aktualisiert am

Untergründige Arbeit am Zerfall der Werte: die „Nibelungen” Bild: Oper Köln

Der „Ring“ der Kölner Oper ist in China angekommen. Der chinesische Beckenboden ist für Wagner noch nicht trainiert. Und Brünnhilde hat es mit dem Rücken. Der fünfte Tag von Elke Heidenreichs Operngastspiel in Shanghai.

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          Zwischen der letzten Generalprobe und der ersten Premiere ein freier Tag für alle. Auf der Expo besuche ich das geschmacklose Etwas, das Deutschland repräsentieren soll – sie zeigen allen Ernstes Taubenschlag und Gartenzwerge. Ich schäme mich entsetzlich und verbringe einige Zeit in diesem Gruselkabinett damit, den Besuchern zu sagen: „This is not Germany, german culture you can see tomorrow in the opera house.“

          Das Theater, 1600 Plätze, ist am ersten Abend fast voll. Nach der Generalprobe, bei der alles derart schief ging, läuft Rheingold reibungslos, nicht zuletzt deshalb, weil Spielleiterin Eike Ecker in jedes Statistenkostüm schlüpft – sie ist Bauarbeiter, Nibelung und Maid und gibt auf der Bühne leise die Kommandos für die chinesischen Statisten. Der Komponist Tan Dun ist da, ebenso die Chefs der Philharmonie China, der Shanghai Opera und des Hongkong Music Festivals, einige Europäer und vor allem: viele Chinesen, sehr junge. Es ist still, sie fotografieren zwar, aber sie telefonieren und schwatzen nicht, sie hören gebannt zu. Und dann, nach einer halben Stunde: Etwa dreißig bis vierzig stehen auf, gehen und kommen nach drei Minuten wieder – sie waren auf der Toilette. Offensichtlich wussten sie nicht: Rheingold, zweieinhalb Stunden, keine Pause. Das wiederholt sich nach jedem Bild. Man sollte in Shanghai Seminare für Beckenbodentraining anbieten.

          Wotan und Loge rauben Alberich den Ring, der Macht statt Liebe verspricht. Eben noch huschte Horst Sülzen mit einem Marmeladenglas voller Ringe über den Flur; es gibt sie in verschiedenen Größen, für jeden Darsteller passend. Soviel Fluch und Untergang – für ein Marmeladenglas voller Ringe! Die ungeheure Anspannung der letzten Wochen, jetzt fällt sie ab, einige aus dem Team weinen, und das Orchester unter Markus Stenz spielt so, wie man sich den Himmel vorstellt. Am Ende donnernder Applaus, wie ein Aufschrei: der „Ring“ der Kölner Oper ist in China angekommen.

          Eike Ecker bei der Probenarbeit in Shanghai

          Wotans Gesetz und Chinas Vorbild

          Der Chor aus Köln reist an. Der Fahrer, der sie abholt, steht mit einem Motorteil in der Hand am Flughafen: Auto kaputt. Es dauert, bis das nächste kommt. Neuankömmlinge regen sich noch auf, wir schon längst nicht mehr. Aber auch wir sehen doch leicht irritiert kurz vor Beginn der Walküre Spielleiter Benjamin Schad mit Brünnhilde auf einem Teppich knien, er zerrt an ihr herum, und sie ruft: „Mehr! Mehr!“ Sie hat’s am Rücken.

          Am Abend ist das Haus restlos voll. Das chinesische Publikum ist so gebannt, dass es nach jedem Akt fast explodiert, und der Schlussbeifall kommt noch in die letzten Takte hinein – man hält die emotionale Spannung einfach nicht mehr aus. Auf der Bühne klappt alles, um Brünnhilde lodert ein echtes, helles Feuer, ein starker Eindruck. So stark, dass ein junger Chinese mit Herzrasen ins Krankenhaus muss. Die Walküre kommt mir vor wie ein einziger großer Familienkrach: Frickas Eifersucht nötigt Wotan, Siegmund zu vernichten, die Walkürentochter ist nicht folgsam, Geschwister lieben sich widernatürlich. Wie in Shanghai präsentiert sich uns in Walhall eine starke Oberfläche der Macht, aber alle alten Familienstrukturen zerfallen, die Gesellschaft ist letztlich ohne Rechte, Werte, Würde – keine Wurzeln mehr, kein Wachsen von alt nach neu, nur noch fragwürdige Zukunftsversprechungen. Wotans Gesetz ist Wotan, Chinas Vorbild ist China. Wotan bietet den Riesen als Bezahlung zunächst Freia an, die Schwester seiner Frau. Ein Menschenleben? Pah. Ein Menschenleben in Chinas Bauboom? Pah.

          Als wir vom Team die Treppe in die Bürokatakomben hinuntergehen, kommen uns die chinesischen Statisten entgegen, Tränen in den Augen, und bei jedem von uns verbeugen sie sich und klatschen. Nichts, nichts verbindet Menschen so wie die Kultur, vor allem die Musik. Wer erklärt das den Politikern, die immer noch glauben, an der Kultur zuerst sparen zu können?

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