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Kölner „Ring“ in Shanghai (4) : Alles Schrott! Alles kaputt!

  • -Aktualisiert am

Gewittrige Stimmung über den „Ring”-Proben Bild: Oper Köln

Die Requisiten zu „Rheingold“ landen um ein Haar auf dem Müll, werden aber noch rechtzeitig vorher zu Kunst erklärt. Doch wie soll man das einem chinesischen Arbeiter klarmachen? Eindrücke vom vierten Tag von Elke Heidenreichs Shanghaier Opernreise.

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          Also, liebe Chinesen, da lasst ihr den ganzen Feuerwerkskram für den Ring tagelang nicht aus dem Zoll, und dann gebt ihr ihn frei und lagert ihn bei der Oper in einem windigen Holzschuppen direkt neben dem Müll, leicht einzudrücken für jedes Schulkind, an der Tür ein weißes Papier mit Handschrift: versiegelt am 13. 9. Dafür das ganze Theater?

          Innen proben sie die ersten Flammen auf Brünnhildes Felsen und haben zum Glück daran gedacht, rasch noch die Feueralarmanlage auszuschalten. Viele solcher Beinahe-Katastrophen: Beinahe hätten die Arbeiter, die die Container auspacken, die Bühnenrequisiten zu Rheingold weggeschmissen. Alles Schrott! Alles kaputt! Rostige Badewannen, alte Autoreifen, verbogene Fahrräder, weg damit! Horst Sülzen, der Retter aus der Requisite, erklärt: nein, alles Kunst! Wir Rheinländer sind eben an der Fettecke geschult. Das Gerümpel liegt im Vorspiel zu Rheingold auf der Bühne, Spaziergänger am Rheinufer werfen achtlos Zeitungen, Bierflaschen, Müll dazu. Ein Bild unserer Welt, wie sie sich uns auf der täglichen Fahrt zur Schanghaier Oper ja auch zeigt: zwischen glitzernden Hochhäusern letzte kleine alte Häuschen, halb verfallen, mitten im Schutt.

          Wie soll ein chinesischer Arbeiter darin Kunst sehen? Aber ein chinesischer Arbeiter wird auch nicht in diese Oper gehen können, außer er arbeitet da. Die Kostümmeisterin ist verzweifelt: Sie schlafen im Flur und kuscheln sich gegen die kalt blasende Klimaanlage in die Bühnenkostüme. Sieglindes Anorak, Hundings Kampfjacke, Frickas Stola, Wotans Mantel, alles prima Decken für chinesische Wanderarbeiter. Auch da der vergebliche Versuch des Übersetzers: Das ist KUNST! Damit kann man sich nicht einfach warm zudecken!

          Der Irrsinn nimmt kein Ende

          Bei der Generalprobe zu Rheingold geht außer im grandiosen Orchester alles, alles schief. Falsche Vorhänge, falsche Auftritte, Freia rauscht in den Bühnenboden davon, anstatt heruntergefahren zu werden, ratlose Statisten, die dem tot daliegenden Fafner auf die Füße treten, worauf der zurückzuckt und wieder lebendig wird. Sollte das bedeuten, der böse Fluch wirkt doch nicht, Fafner lebt? Nein, es war nur Blödheit. Alles, was Eike Ecker so genial-naiv als Ringerzählung in Strichmännchen aufgemalt hat: umsonst, wehe, wehe. Die vierzig, fünfzig chinesischen Statisten torkeln ziellos über die riesige Bühne. Das sieht jetzt doch ganz anders aus als im Probenraum oder im Heizungskeller. Neugierig lehnen sie an der Wand und schauen zu, sollen aber furchterstarrt vor Alberich im Staub liegen. Der Übersetzer saust auf die Bühne, erklärt. Gut, legen sie sich hin, aber die Köpfe kommen wieder hoch: Man sieht ja sonst nichts! Eine Meldung erreicht uns: erster Zyklus Ring zu 90 Prozent verkauft! Und da sackt Alberich in der Generalprobe die Stimme weg, und Wotan hat eine Allergie – muss man jetzt Ersatz einfliegen? In ein Land, das Wochen braucht, um ein Visum zu vergeben?

          Diese Nacht wird durchtelefoniert, Ersatzsänger, Flüge, Visa, Hotel. Der Irrsinn nimmt kein Ende, ich will darüber schreiben, aber China beschließt: einen Tag lang kein Netz. Jetzt, in der Nacht, rauscht es wieder herein, und ich wollte eigentlich noch etwas über die Sprache sagen: Wagners Deutsch versteht hier wohl keiner, es gibt chinesische Obertitel und darunter eine Übersetzung im Bühnenenglisch des 19. Jahrhunderts – „What tales of evil fancies tellest thou, sad man, to me?“ Du liebe Güte, wer soll da noch durchblicken, „knowst thou what’ll hap?“ „Weißt du, wie das wird?“, raunen die Nornen. Und ich schwöre es: Während ich dies schreibe, geht über Schanghai ein riesiges Feuerwerk los. Haben sie nun doch das Opernhaus mit unseren Weltuntergangsfeuern in die Luft gesprengt? Ich geh’ noch mal an die Bar, andere sind da und hatten den gleichen Gedanken, können mich aber beruhigen. Einer, der ein chinesisches Lexikon hat und übt, bestellt schließlich die Rechnung, zhàngdan. Man bringt ihm Zahnstocher, yàqian.

          Alles nicht so ganz einfach hier.

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