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Kölner „Ring“ in Schanghai (3) : Von hier wird der Tsunami kommen

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Alberich bringt im „Rheingold” die Formel für Kapitalismus auf den Punkt Bild: Oper Köln

Am dritten Tag ihrer Opernexkursion nach Schanghai besucht Elke Heidenreich die „Götterdämmerung“. Fast hätte die Premiere nicht stattfinden können, denn das Feuerwerk lag beim Zoll. Am Ende wurde der Weltuntergang doch noch freigegeben.

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          Von meinem Hotel zur Oper in Schanghai dauert es mit Taxi oder Shuttle schon mal vierzig Minuten. Direkt vorm Hotel: eine U-Bahn. Ja, die Zwanzig-Millionen-Stadt Schanghai hat vor zehn Jahren mit dem Bau einer funktionierenden U-Bahn begonnen, liebe Kölner. Ihr habt Euer Teilstückchen, auf dem schon das Stadtarchiv einstürzte, etwa zur Zeit des Dombaus gestartet. Während der Dom schon wieder bröckelt, ist das Teilstückchen immer noch nicht fertig: Von Chinesen lernen!

          Vielleicht auch dies: In den Metrostationen stehen Automaten, aus denen man jede Art Arznei bis hin zur Empfängnisverhütung ziehen kann. Mit Rempeln, Knuffen, Umsteigen komme ich wirklich nach zwölf Minuten an der Oper an, wo es eine Pressekonferenz gibt. Vertreter von Stadt, Oper und Geschäftswelt bedanken sich, etwas verwirrt über die Gigantomanie des Unternehmens „Ring“. Nicht ohne Zweifel, sagt der Operndirektor, habe man das Wagnis begonnen. Werden die Chinesen siebzehn Stunden Musik annehmen, ohne dabei zu telefonieren?

          Nur Nebel auf der Bühne, für die Illusion

          Die Kölner Truppe verbreitet Euphorie und fordert die Liebe zur Kunst ein. Hinter mir flüstert einer aus dem Team: „Hoffentlich geht das schnell mit dieser PK, wir brauchen die Stühle.“ Horst Sülzen nutzt die Gunst der Stunde und mahnt das Feuerwerk an, das immer noch beim Zoll liegt. Anschließend: Generalprobe „Götterdämmerung“, eben ohne jenes Feuer, in dem am Ende Siegfried, Brünnhilde, das Ross Grane und die ganze Welt verschwinden. Nur Nebel auf der Bühne, für die Illusion.

          Aber während die schmuddeligen Rheintöchter in all ihrem Müll noch auf Siegfried einsingen, rauscht die Kunde durch die Reihen: Der Zoll hat den Weltuntergang freigegeben, bei der Premiere wird es brennen und krachen! Sülzen grinst. Hatte er doch gewusst! Der zwanzigköpfige chinesische Ersatzchor, der die vierzig morgen erst aus Deutschland anreisenden Sänger bei dem, was Wagner „Die Mannen“ nennt, unterstützen soll, steht nicht auf der Bühne, sondern sitzt im Zuschauerraum. Der Chorleiter singt leise vor, wann welche Einsätze wären. Sie bekommen zum ersten Mal einen Eindruck davon, was eigentlich passiert. „Heil dir, Gunther! Heil dir und deiner Braut!“, sollen sie singen, aber es klappt nicht. Sie scheinen fassungslos angesichts des Spektakels und dessen, was da aus dem Orchestergraben donnert. Brünnhilde verwickelt sich oben im Kleid und stürzt fast, ein Walkie-Talkie platzt dazwischen, und alle lachen, als Gutrune singen muss: „War das sein Horn?“

          China hat nicht aufgeholt, es hat längst überholt

          Die Geschichte steuert auf ihr Ende zu – die Riesen-Immobilie Walhall verfällt, die Götter sind gestürzt, die Gier nach dem Gold tobt bis zuletzt und reißt alle in den Orkus. Und das mitten in Schanghai, wo jeden Morgen neue Hochhäuser stehen, die am Abend zuvor doch noch gar nicht da waren, oder? Diese Stadt hat längst die apokalyptischen Ausmaße, die Wagner auf die Bühne gebracht hat. Eine neue Welt boomt in die alte hinein, und die heimische Angst vor Muslimen wirkt lächerlich: Von hier wird der Tsunami kommen. China hat nicht aufgeholt, es hat längst überholt. Wotan, Gunther, Siegfried, die Walküren – weg damit. Erda, das Wissen der Welt? Pah. Ändert sich täglich. „Trauernder Liebe tiefstes Leiden schloss die Augen mir auf: Enden sah ich die Welt“, heißt es am Ende einer früheren Fassung der „Götterdämmerung“. Und Alberich bringt im „Rheingold“ die Formel für Kapitalismus auf den Punkt, als er über das Gold, den Macht verheißenden Ring flucht: „Wer ihn besitzt, den sehre die Sorge, und wer ihn nicht hat, den nage der Neid.“ Wird denn, mal naiv gefragt, alles gut, wenn die Macht des Goldes gebrochen ist? Ach was. Es wiederholt sich doch, eben wie ein runder Ring, und am Schluss der lange dunkle Des-Dur-Akkord: dreiundzwanzig Takte in den Abgrund.

          Wir aber gehen Frühlingsrollen essen und trinken dazu nach deutschem Reinheitsgebot gebrautes Tsingtau-Bier. Herr Wu bestellt das ganze anwesende Team – an die dreihundert Leute – zum Gruppenfoto, auch halbgeschminkte Götter schlurfen dazu aus den Garderoben.

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