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Kölner „Ring“ in Schanghai (2) : Siegfried muss ohne Feuer schmieden

  • -Aktualisiert am

Wagner, für China gezeichnet: Wotan geht am Stock, zwei Ringe darf Fricka tragen Bild: Oper Köln

Die Bühnenblitze sind noch beim Zoll, die zerborstenen Baumstämme aus der Requisite hätte man doch nicht extra einfliegen müssen: Elke Heidenreich hat Wagners „Ring“ aus Köln nach Schanghai begleitet. Ein Abenteuer. Ein Tagebuch.

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          Immer noch liegen dreihundert Kilo Feuerwerkskörper beim störrischen chinesischen Zoll. Heute musste Siegfried sein Schwert Nothung ohne Feuer schmieden und musste Brünnhilde einfach so wachküssen, ohne vorher durch den Feuerring zu schreiten. Morgen wird Götterdämmerung geprobt. Wie soll denn die Welt am Ende brennend untergehen, wenn die Feuerwerkssachen nicht da sind?

          Intendant Laufenberg ruft, genauso bockig wie der Zoll: „Gut, dann machen wir es eben konzertant!“ Aber Horst Sülzen, Chef der Requisite, weiß: Das wird schon. Er vertraut fest auf den Weltuntergang.

          Krankheiten bitte rechtzeitig voraussagen

          Eike Ecker richtet das, was Robert Carsen damals in Köln inszeniert hat, mit neuen Sängern in Schanghai für die Bühne ein. Sie erklärt Siegfried, wo er seinen Rucksack hinschmeißen soll, und Brünnhilde, wie lange sie auf dem Schlachtfeld still liegen muss, bis Siegfried sie dann endlich mal wachküsst. Die Chinesen staunen: Ach, das sind wirklich vier ganz verschiedene Abende? Das hatte man so nicht erwartet. Siebzig Prozent der Eintrittskarten sind verkauft. Herr Wu tröstet augenzwinkernd: Das werden mehr! Wenn nicht, schlägt er vor, setzen wir eben die Armee rein. Armee zum Weltuntergang – passt doch. Eine Eintrittskarte für einen Abend kostet etwa 240 Dollar. Die Chinesen, die beim Auf- und Abbau helfen, verdienen am Tag etwa sieben Dollar.

          Deng Xiaoping sagte vor dreißig Jahren: „Reich werden ist ehrenhaft.“ Nun sind einige sehr ehrenhaft, und andere schlafen auf dem Flur vorm Dirigentenzimmer, wo es ruhig ist. Der Dirigent singt nicht. In der Mittagspause lerne ich, mit Stäbchen zu essen, und esse Undefinierbares. Mir darf nicht schlecht werden, die anwesenden Ärzte bitten, Krankheiten rechtzeitig vorauszusagen, denn sie müssen dann erst Medizin im Krankenhaus holen. Im Theater dürfen keine Arzneien lagern. Wir überlegen, wann wir Kolik, Grippe und Blasenentzündung nehmen.

          Draußen in der Stadt würde Siegfried das Fürchten schon lernen

          Mime und Alberich, auf der Bühne Brüder und Todfeinde, sind im wahren Leben enge Freunde, fast Brüder. Mime wohnt in einem schmuddeligen Wohnwagen mit lauter Müll drumrum. Hier hat er Siegfried großgezogen, auf einem Platz im Wald mit 21 zerborstenen Baumstämmen, die in Containern aus Köln anreisten. All dieser Schrott musste durch den Zoll. Was haben die sich gedacht? Die Deutschen transportieren kaputte Natur nach China; das hat man doch hier reichlich! Ai Weiwei macht aus so was Kunstwerke!

          Siegfried will das Fürchten lernen, und vom Schnürboden herunter schwebt ein riesiger Abrisskran: Fafner, der (natürlich nicht feuerspeiende) Drache. Fafner sehen wir in Schanghai täglich, in jedem alten Stadtviertel schlägt er zu. Hier hätte Siegfried viel zu tun und würde das Fürchten schon lernen. Das aber lehrt ihn erst Brünnhilde. Eine Frau! Was macht man mit der? Er weiß nicht, dass das eigentlich seine Tante ist, die seiner Mutter bei der Geburt half. Seine Tante also, und gut 25 Jahre älter.

          Auf ein Bier mit der Göttin

          Trotzdem: Die Liebe schlägt ein, und wir hören es in der Musik. Das umwerfende, bei all den Desastern niemals aufmuckende Gürzenich-Orchester unter Markus Stenz zaubert in diesem chinesischen Wirrwarr so, dass Weltende, China, Zoll und Schrottplatz weit weg sind. Nichts geht unter, alles heilt. Das macht Musik. Und Wotan kommt nach Hause, nach Walhall, wo alles verrottet und verfällt, und weiß: Er ist abgesetzt. Er ist alt, müde und elegant: Anzug, Hut, graues Haar, Stock. Hinterher sitzt da ein junger Mann mit Zopf und lacht. Ich brauche immer eine Weile, um Mensch und Rolle auseinanderzukriegen.

          Später trinke ich ein chinesisches Bier mit Fricka, die heute freihatte von ihrer grässlichen Götterfamilie, und mit Brünnhilde, die herrliche Kunststücke und Rätsel kennt. Im Fernsehen läuft so etwas wie „Wetten dass ...?“ und heißt, so sagt man mir: Wollen Herausforderung? Wenn wollen Herausforderung, dann machen Wagners Ring in Schanghai. Dann haben Herausforderung. Morgen also Weltuntergang ohne Feuer. Das kann werden schöne Herausforderung.

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