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Kleists „Zerbrochner Krug“ : Weltrichterin Eve oder Die Scherben des Glücks

  • -Aktualisiert am

Was für ein Mensch: Marie Burchard (2.v.r.) als Eve neben Swetlana Schönefeld, Uwe Betram (oben) und Wolfgang Michael Bild: Bernd Uhlig

Andrea Breth inszeniert Kleists „Zerbrochnen Krug“ bei der Ruhrtriennale in Essen genial neu. Hauptfigur ist nicht mehr der Dorfrichter Adam. Hauptfigur ist sein Opfer: Eve, die allein gegen alle liebt, lebt, leidet.

          6 Min.

          Zwei Minuten können die Welt verändern. Sie reichen für einen Krieg. Kanonen donnern, Granaten bersten, Krüge gehen zu Scherben, Menschen explodieren, Seelen zerreißen. Und selbst das Kadavergebrumm einer Schmeißfliege wirkt wie das ferne Echo einer Bomberflotte, die unter sich nichts heil lässt. Man hört und sieht dies alles im Salzlager der Kokerei der Zeche Zollverein in Essen, einem Industriedenkmal, das selbst wie eine stein- und stahlgewordene Weltveränderungsruine in die graue Landschaft ragt. Dort, bei der Ruhrtriennale, inszeniert Andrea Breth den „Zerbrochnen Krug“, ein altes Lustspiel Heinrich von Kleists aus dem Jahr 1806.

          Zwei Minuten können aber mehr als nur eine Welt verändern. Sie können ein Drama verändern. An der Rampe eines großen Kastens, den die Bühnenbildnerin Annette Murschetz in die Industriehalle bis hinauf zu deren Decke gewuchtet hat, an dessen Wänden grünlich schimmeliger abblätternder Verputz klebt und der bis unters Dach in und um ein paar Regalschränke und einen Schreibtisch herum mit zigmeterhohen Aktenstapeln vollgestopft ist, gleich auch vor einer Strohschütte rechter Hand, aus der ein rosiger Schweinerücken hervorglänzt, steht ein Mädchen. Es trägt Stiefel, einen roten Rock, zu dem der andersrote Pulli unter der wieder andersrostroten Steppjacke nicht passt. Die blonden Haare hat es etwas nachlässig hinter die Ohren gesteckt. Auf den ersten Blick eine etwas unglückliche Durchschnittserscheinung. Ihr aber ist Überdurchschnittliches passiert. Was man an ihren Augen ablesen kann.

          Zwei Minuten lang kein Wort

          Sie starrt wie in verschleierter Trance in eine unendliche, freie Ferne, die sie aber gleichzeitig als bedrängende, luft- und seelenabschnürende Nähe spürt, „goldgrün wie Flammen rings“, aber zugleich in hell brennender Vernunft fühlt, was mit ihr passiert ist: dass nämlich der Mann, der gerade auf seinem Klumpfuß aus dem Büroschweinsstall stürmte, dass der Dorfrichter Adam gestern Nacht in ihrer Kammer „fasst mich so, bei beiden Händen, seht, / Und sieht mich an“. Ihre Mutter fragt, als sei dies Sehen schon eine unaussprechliche, im Satzbrocken stecken bleiben müssende Ungeheuerlichkeit, nach: „Und sieht – ?“, ihr Verlobter ergänzt den ungeheuren Satz ums geheure Objekt: „Und sieht dich an – ?“, worauf sie den letzten Brocken wie ein Zentnergewicht auf ihr Hirn und Herz lädt: „Zwei abgemessene Minuten starr mich an.“ Und dann fällt zwei abgemessene Minuten lang auf der Bühne kein Wort. Alle um das Mädchen Eve herum sind im Bann dieser an sich klitzekleinen, hier aber in höllenhimmlischer Länge sich wölbenden Zeitspanne, die von der jungen Schauspielerin Marie Burchard als epochale neue Erfahrung dieser Figur erlebbar gemacht wird. Durch Wiederholung.

          Wolfgang Michael, Maria Pichler, Karolina Horster und Sven-Eric Bechtolf (v.l.)
          Wolfgang Michael, Maria Pichler, Karolina Horster und Sven-Eric Bechtolf (v.l.) : Bild: ddp

          Denn die Frage war bisher: Wem gehört dieses Stück? Wem die Schuld? Wem die Pein? Gleichgültig in welcher Tonlage, in welcher Verzerrung oder Zerstückelung: Dem Dorfrichter Adam gehörte dies alles. Bis jetzt. Ruprecht, Eves Bräutigam, soll zur Miliz nach Utrecht eingezogen werden. Der Dorfrichter, scharf auf Eve, sagt ihr, das sei nur ein übler Trick des Staates, die Rekruten würden nach Batavia geschickt, um dort im Kampf mit den Eingeborenen die Kolonialgewinne der holländischen Pfeffersäcke zu sichern, am Gelbfieber zu verrecken oder als todkranke Krüppel heimzukehren. Wenn er dem Ruprecht ein Freistellungsattest besorge, werde Eve ihn dann in ihre Kammer (und in ihren Schoß) lassen? Dabei ging, weil Ruprecht und die Mutter dazukamen, der Krug kaputt, als Adam Hals über Kopf aus dem Fenster sprang, wobei ihm Ruprecht mit der abgebrochenen Türklinke eins überzog.

          Ein Verbrecher, der Recht spricht

          Über den Krug, den er selbst zerbrach, dessen Scherben aber Eves Mutter dem Ruprecht ankreidet, muss der Richter jetzt zu Gericht sitzen, beaufsichtigt vom Gerichtsrat Walter, der zufällig gerade zur Visite weilt. Die Komödie kommt deshalb in tollen Gang, weil Adam sich herausredet – und Eve schweigt. Adam, ein Teufel, der sich selber austreibt, ein Verbrecher, der Recht spricht. Aber immer: die Hauptfigur. Zuletzt war er vor gut einem Jahr (Peter Stein inszeniert Kleists „Zerbrochenen Krug“ mit einem grandiosen Klaus Maria Brandauer) bei Peter Stein im Berliner Ensemble ein gefallener Erzengel, der Chefkomiker eines entleerten Himmels, in dem alle Türen zum Paradies der Unschuld verrammelt sind. Klaus Maria Brandauer gab leichter Hand den sarkastisch humpelnden Ironiker einer Metaphysik, die sich aufs Physische kaprizieren muss, weil alle höheren Posten gerade nicht besetzt sind. Gott und das Recht spielten keine Rolle, blieben aber in utopisch eiserner Reserve.

          Sven-Eric Bechtolf spielt den Adam in Essen ohne jede Reserve. Er ist kein gefallener Engel. Er ist der vom Recht, vom Leben, von der Welt aggressiv erschöpfte Heizer einer längst schal gewordenen höllischen Gier und Lust, die er mit letztem brennbarem Material unterhält: seiner schmierig verzweifelten Verliebtheit in Eve. Bechtolf lässt, arrogant aasig und vernölt, den Adam sich im Sessel flätzen, Käsestücke würgen, zu Ohrfeigengesten ausholen, Zeugen bedrohen, Angeklagte nachäffen, wie in einem Schlaganfall Brotreste erbrechen und Wein verschütten, Tische umwerfen, in gefährlich leises Raunen und harmloses Brüllen ausbrechen. Er zeigt in blutiger Glatze, die ein schütterer, verschwitzter Haarkranz umgibt, nie den großen Schuft, auch nicht den armen Teufel. Sondern: das Teilchen – einer zerrütteten Welt, die von ihrer Fundamenten abblättert wie der Putz von der Wand. Und sich in zwei Minuten verändert. Bevor er nicht fluchtartig, sondern langsam wie ein Hund, der sich selbst innerlich zerbissen hat, abgeht, verbeugt er sich vor Eve. Mit gutem Grund. Denn sie ist die Hauptfigur.

          Neue komische Katastrophe

          Andrea Breth, die größte Ausgräberin unter den Regisseuren, hat den „Zerbrochnen Krug“ nicht als alte Komödie, sondern als neue komische Katastrophe inszeniert. Wie schon ihren Wiener „Don Carlos“ kann man ihren „Krug“ auch als eine nachgeholte Uraufführung erleben: Als habe sie, als hätten wir dieses Stück, das wir hunderte Mal schon sahen, noch nie gesehen. Als sei es eine völlig neue Weltmusik. Wozu es neuer Musiker bedarf. Die sich neu berühren lassen. Eve ist so eine. Eine Solistin.

          Um sie herum: ungerührte Musikanten. Der Gerichtsrat Walter: Norman Hacker steckt ihn in einen auf Bügel- und Grinsfalte spitzmündig aufgeklappten Dandybeamten; die Zigarette elegant-locker im Mundwinkel balancierend, möchte er das Unangenehme und Peinliche des Falles wie ein Stäubchen vom hellbeigen Kaschmirmantel schnippen. Der näsige Schreiber-Schluri Licht: Wolfgang Michael lässt dessen Haarbusch alle intriganten, bösen Gedanken des Untergebenen überm grauen Mantel des trockenen Schleichers gnädig überwucheren. Der punk-pubertär erregte Ruprecht: Paul Schröder zeigt einen Jungen, der einem Mädchen weder etwas zu Leide noch zu Wohle tun könnte. Die Anklägerin mit dem zerbrochnen Krug in Händen: Swetlana Schönfeld lässt Frau Martha Rull nach allen Schimpfseiten etwas ungenau zerfließen. Sie alle, vor allem auch die herrliche Elisabeth Orth als bucklig verhuschte Frau Brigitte, die Adams Spur vor Eves Haus kronzeuginnenmäßig beschnüffelt hat, sind Ungerührte, in sich Hockende, Resignierte. Wenn sie mit ihren Köpfen an die Katastrophe stoßen – dann klingen die Köpfe hohl. Und es ist eine gelächtersatte Komödie.

          Grundstürzend existentiell

          Nur Eves Kopf klingt nach Tragödie. Die liebliche Les- und Spielart dieser Figur war bisher, dass sie im Prozess geschwiegen habe aus Angst um Ruprecht, dass sie aber nach Adams Entlarvung dem Gerichtsrat Walter glaube, dass der Dorfrichter log, als er behauptete, die Milizrekruten würden nach Batavia geschickt, und sogar zwanzig Goldgulden als Bekräftigung aus der Hand Walters annimmt. Die kritische Les- und Spielart Eves war bisher, dass sie dem Gerichtsrat nicht glaube, dass gerade die zwanzig Goldgulden der bestechende Beweis von dessen Verlogenheit seien. Peter Stein ließ seine Eve (Marina Senckel) noch herzlich glauben. Andrea Breth versetzt ihre Eve dagegen in einen anderen Zustand.

          Marie Burchard spielt weder die liebliche noch die kritische Eve. Sie ist die grundstürzend existentielle Eve. Die ganze Zeit der kurzen drei Stunden der pausenlosen Aufführung steht sie, erregt und erhitzt an der Tür, stürzt vor, zieht sich zurück, drängt wieder vor: in einer unaufhörlichen Bewegung, die sie aus allen anderen heraushebt. Diese rührt von diesen „zwei abgemessenen Minuten her“, in denen sie durch Adams Augen hindurch in eine Welt geblickt hat, die keine Dorfrichter mehr benötigt – sondern Weltrichter. Und diese Rolle nimmt sie nun ganz auf sich.

          Sie sagt es schon bei Kleist: dass diese ganze Nacht, dieses Verbrechen, dieser zerdepperte Krug, diese Katastrophe, diese Komödie um Schuld und Unschuld „mir gehört“. Das hieße, dass, wenn sie sich ganz und gar unschuldig und rein fühlt, das Äußerste, das sie erwarten könnte, das selbstloseste, reinste Vertrauen wäre – also das tolle, hingegebene, hingegossene Gefühl, das ein Käthchen, eine Penthesilea, eine Alkmene auch leben und lieben. Aber von anderen nicht erstattet bekommen. Diese Essener Eve ist genauso im Riss zu ihrer Umwelt wie ihre größeren dramatischen Kleist-Schwestern. Und sie nimmt wie diese eine ganze Welt ganz allein auf ihre Mädchenkappe: den ganzen Schmutz, das Unrecht, die Frechheit, den Betrug, die Nötigung, die Erpressung, die Pein, den Verrat. Und bleibt darin voll eines Glanzes: der Autonomie, des Eigengefühls. Die Weltrichterin, die über die Scherben des Glücks triumphiert, wo jeder Splitter sie widerspiegelt und ihr Bild gleißend abstrahlt. Ein kleines Mädchen nur. Aber was für ein Mensch.

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