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Haußmann inszeniert Kleist : Zum Teufelsrätsel wird das nicht

Ratlos in Theben: Kaum zu glauben, dass der Göttervater Zeus (Jens Harzer) einen starken Sohn gezeugt hat. Bild: Armin Smailovic

Das doppelte Gottchen: Leander Haußmann inszeniert Heinrich von Kleists „Amphitryon“ am Hamburger Thalia Theater mit Jens Harzer. Die Aufführung gerät so leblos wie oberflächlich.

          Ach, wie schade! Das „Ach“ so wirkungslos verhallen zu lassen, als wäre es nur ein weiteres Umgangswort, mit dem man den Mythos auf den knarrenden Boden der Tatsachen holt. So wie man mit einem spitzen „absolut“, einem „echt“ oder „wa?“ nach den größeren, drauf folgenden Worten wirft als wären sie Luftballons, die unbedingt zerplatzen müssen. Wieso? Wofür?

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Ach, wie schade: einem so wunderbaren Schauspieler wie Jens Harzer zwei Stunden lang dabei zuzuschauen, wie er nicht warm wird mit den lauen Losungen seines Regisseurs. Wie er nicht einsehen will, sich so lange dumm zu stellen, bis alles klar ist. Sogar Grimassen schneidet, hektisch wird, alle tieferen Einsichten verschenkt. Warum? Weil das wohl der falsche Regisseur ist für ihn. Leander Haußmann inszeniert zu oberflächlich. Er will, dass sein Theater volkstümlich, handfest und bodenständig wirkt, aber die meiste Zeit ist es einfach nur ungeschickt, aufgesetzt und plausibilitätssüchtig. Eine einzige vertane Chance ist sein Hamburger „Amphitryon“.

          Am Anfang sieht das noch anders aus. Da spielen die vier Personen eine gute Dreiviertelstunde lang vor geschlossenem Vorhang und halten ganz gut die Spannung. Sebastian Zimmer bekommt für sein doppeltes Spiel als Diener Sosias und Götterbote Merkur gleich zu Beginn Szenenapplaus, mit weißer Plastiktüte, schwarzer Jeans und verschwitzter Brust ist er abwechselnd rockig-rotziger Macho und schüchtern-schutzloser Schlawiner. „Etwas muss ich doch aber sein“, quengelt er, wenn er sich als sein göttliches Gegenüber die eigene Identität aus dem Leib prügelt. Nur was? Ein fassungsloser Mensch ist er jedenfalls nicht. Ein bisschen witzig dafür schon, sagt beispielsweise „Metadon“ statt „übliche Portion“ und kann auch so geschickt ausrutschen wie im Sketch. Antonia Bill als seine Ehefrau Charis steht daneben und lässt sich vom Doppelgänger verwundert an die Brüste fassen.

          Und Jupiter, der Götterherrscher, der in Gestalt des thebanischen Feldherrn Amphitryon auftritt, um dessen Frau Alkmene zu schwängern mit einem starken Sohn? Hier hat er einen schwarzen Strich über der Oberlippe und lange Haare wie ein trauriger Molière-Imitator – ein „Wesen eigener Art“ ist er nicht. Im Gegenteil wirkt alles an ihm geliehen und ausstaffiert. Als „rundum Geplagter“ (amphi-tryon) setzt Harzer sich eine kleinglasig-dunkle Sonnenbrille auf und näselt, während seine Alkmene, die „herzhaft Ausharrende“ zwischendurch ein paar Mal „hä?“ sagt – das ist alles, was sie an Rätselhaftigkeit zum Ausdruck bringen darf. Marina Galic bemüht sich redlich, aber der Regisseur bemüht sich nicht um sie. Ohne jeden Sinn für ihre Verzweiflung lässt er sie im Kalauerregen stehen, hat hier und da einen Einfall für sie, aber keine Vorstellung von ihrer Seelenlage. Dass das eine „Heimgesuchte“ ist, eine „Durchdrungene“ wie es ganz am Ende bei Kleist heißt, die durch den Gott in der Gestalt des Gatten verführt und dabei gewissermaßen entseelt wird, umgetauft könnte man auch sagen, von der Königsfrau zur Götterbraut, bleibt hier Behauptung.

          Kleists waghalsiges Unternehmen liegt ja darin, dass er den antiken Mythos mit der biblischen Erzählung von der Verkündigung kombiniert, hier an die Stelle der jungfräulichen Geburt freilich die doppelte Vaterschaft als wundersames Geheimnis setzt. Der mythologische Gehalt des Amphitryon-Stoffs, der schon von einem Gedicht aus dem siebten oder sechsten Jahrhundert vor Christus bekannt ist, wird hier subjektphilosophisch gewendet. Die grundsätzliche Verunsicherung des Individuums hat dabei allerdings mit den Identitätsfragen unserer Zeit nichts zu tun. Das immerhin akzeptiert Haußmann. Aber, dass er sich stattdessen für die theologischen oder erotischen Dimensionen des Stücks interessieren würde, kann man nicht sagen. Ihm geht es allein um die tölpelhaften, leicht zu karikierenden Elemente. Was eigentlich „koboldartig“ gedacht ist, wird bei ihm zum Klamauk. Aus der komplizierten Verwechslungskomödie, in der „kein Menschensinn ist, und kein Verstand“ macht er eine chargenhafte Bouffonnerie.

          Die „herzhaft Ausharrende“: Marina Galic spielt Alkmene.

          Das monumentale Bühnenbild von Via Lewandowsky, das wohl von Ferne an den Eingang eines Jahrmarkt-Labyrinths erinnern soll, wirkt dabei wie ein seltsamer Fremdkörper, mit dem die Spieler nichts Rechtes anzufangen wissen. Hin und wieder flackert vorne der Neon-Schriftzug „Good“ auf, und es wird ein bisschen absichtsloses Bargeklimper eingespielt. Aber zum „Teufelsrätsel“ wird das nicht. Kein Wunder also, dass Jens Harzer seinen Jupiter den Satz vom allgegenwärtigen Wunder nach hinten wegsprechen lässt; denn hier, bei Haußmann, ist eben „nicht alles Wunder, was sich zeigt“, sondern höchstens mehr oder weniger geschickte Effekthascherei. Der eigentliche Kern des Stücks bleibt unberührt: das vollkommene Versagen der sinnlichen Wahrnehmung. Wird Kleist in seinem „Käthchen“ oder seiner „Penthesilea“ das Gefühl später als höchste Instanz anführen, ließ er hier, im 1807 erschienenen „Amphitryon“, die „Goldwaage der Empfindung“ noch trügerische Messungen unternehmen.

          Alkmene wird von ihrem Herzen in die Arme des Falschen gelenkt. Ihr „Ach“ ist eben kein Ausruf des Verstehens, sondern einer nun entfachten Sehnsucht: „Dass er der Gott mir wäre“ – fortan wird sie in Amphitryon immer den Gott vermissen, der er ihr einmal war. Das ist ihr Schicksal. Ihr rastloser Schmerz. Aber Haußmann will davon nichts wissen. Ihm reicht die Verwechslungskomödie als Zote. Jens Harzers gedämpfte Spiellust lässt ahnen, was dabei an großen Möglichkeiten verloren geht. In seinem traurigen, von falschen Haaren verhängten Blick spiegelt sich die Erinnerung an einen Abend vor zwanzig Jahren: Als junger Mann in München spielte er schon einmal den betrogenen Thebanerfürsten. Aber was nützt die Liebe in Gedanken? Wie gern hätte man ihn jetzt und hier, mit offenen Augen und klarem Gesicht, wieder ganz anders leiden gesehen.

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