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Klavierfestival Ruhr : Kultur im sozialen Brennpunkt

Avantgardemusik gehöre für diese Kinder zum Alltag, freut sich die Tänzerin Petra Jebavy, die zur Gründungsmannschaft gehört; sie mache ihnen Lust, Geschichten zu erfinden. Obendrein fühlen sich viele Kinder, zumal aus Südosteuropa, in den unregelmäßigen Metren eines Strawinsky oder dem Melos eines Bartók ganz zu Hause. Weshalb Fabian Müller bekennt, er betrachte die das „Frühlingsopfer“ tanzenden Marxloher Schüler als seine Kollegen.

In Duisburg-Marxloh leben viele Armutsmigranten. Viele Schulanfänger waren nie im Kindergarten und ihre Eltern sind nicht selten Analphabeten.

Mittlerweile kooperiert das Klavier-Festival, unterstützt von der Stiftung Mercator und der Klöckner & Co SE, mit fünf Marxloher Schulen. Eine davon ist die Grundschule Henriettenstraße, wo die Erstklässler nicht nur oft kein Deutsch sprechen, sondern zumal türkische Kinder südosteuropäischen Kindern oder Mädchen grundsätzlich nicht die Hand geben wollen. Die Tänzerinnen Erika Pico und Bianca Pulungan studieren mit den Schülern Gruppenchoreographien ein, bei denen sie zu Strawinskys Klavierstücken Kämpfe, Jäger oder Bäume darstellen und so Körperbewusstsein und soziale Interaktion trainieren.

Die Kinder sind mit Hingabe bei der Sache. Sie hungerten geradezu nach solchen Stunden, bezeugt Pico. Zugleich sei wichtig, dass die laufende Unterrichtsarbeit in eine Aufführung vor Publikum münde. Das steigere noch einmal die Konzentration und stärke bei den Schülern das ihnen oft mangelnde Selbstbewusstsein.

Schulen proben gemeinsam

Mit Schülern, die von der Grund- an die Herbert-Grillo-Gesamtschule gewechselt sind, veranstaltet Jebavy einen freiwilligen Tanzworkshop. Heute wird der elektrisierend synkopische „Höllentanz“ aus Strawinskys „Feuervogel“ geübt, der aus Jebavys Laptop erschallt. Neun Mädchen und ein Junge wirbeln synchron um die eigene Achse, stürzen vor und zur Seite, bis sie zu Boden sinken und im Zauberbann erstarren. Besonders ausdrucksvoll bewegt sich ein Mädchen, deren Familie in einen anderen Stadtteil umzog, weil das Haus, in dem sie wohnte, zwangsgeräumt wurde. Sie muss jetzt eine längere Strecke mit dem Bus fahren, stand aber schon lange vor Stundenbeginn vor der Schule.

In der Aula des Elly-Heuss-Knapp-Gymnasiums proben Oberschüler, Grundschüler und Förderschüler das „Frühlingsopfer“. Zu den dröhnenden, drängenden Klavierklängen, die Müller und Soulès auf zwei Flügeln spielen, marschieren die Grundschüler im Viereck um die sich zusammenballenden Gymnasiastinnen, die dann springend, sich dehnend und drehend den Raum erobern. Hier kommen geistig behinderte Kinder hinzu. Die Elftklässlerinnen dirigieren deren Körperhaltung, lassen sich aber auch von ihnen dirigieren. Als Folge der gemeinsamen Auftritte hat sich schon so manche Marxloher Abiturientin für ein Sonderpädagogikstudium entschieden.

Inzwischen kommen viele Eltern

Bei den Aufführungen, die im Rahmen des Klavier-Festivals in der Duisburger Gebläsehalle stattfinden, spielen obendrein Grund- und Oberschüler auf Orff-Instrumenten Musikstücke, die sie aus Strawinsky-Motiven entwickelt haben. Diese Abende scheinen den Stadtteil schon zu verändern. In den Anfangsjahren war es schwer, die Eltern der Kinder in den Konzertsaal zu bekommen, erinnert sich der Bildungsprogrammleiter Tobias Bleek.

Und die, die kamen, telefonierten während der Aufführung. Doch diesmal war das Parkett, auch dank Einladungskarten mit Piktogrammen und einem Busservice, gut gefüllt. Eltern und Geschwister hätten ihre Darbietungen „voll cool“ gefunden, berichten die Schüler. Für Musiklehrer mit Vision gibt es viel zu tun in Marxloh. Neunzig Planstellen in Duisburg, meldet Hagge, sind noch unbesetzt.

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