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Nachruf auf Klaus Pierwoß : Der Mann im Ring

Nach Stationen in Tübingen, Mannheim, Köln und Bremen ist Klaus Pierwoß jetzt mit 79 Jahren gestorben. Bild: Brigitte Friedrich

Für seinen Bühnen ist er in jede Schlacht gezogen: Der Intendant Klaus Pierwoß war ein Kämpfer mit Ausdauer und Fingerspitzengefühl. Jetzt ist er im Alter von 79 Jahren gestorben.

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          Zu seinen Auszeichnungen gehörten zwei rote Boxhandschuhe, auf die er stolz war und die er in Ehren hielt: Klaus Pierwoß war ein Kämpfer für das Theater, für das er gestritten und sich, auch in schier aussichtslosen Situationen, geschlagen hat. Er konnte austeilen – und einstecken. Dabei ging es nicht selten ums Überleben. Standfestigkeit, aber auch Fingerspitzengefühl, Sturheit, aber auch Schlitzohrigkeit und Fairness waren seine Tugenden.

          Andreas Rossmann
          Freier Autor im Feuilleton.

          Seinen härtesten und ausdauerndsten Kampf hat Pierwoß in Bremen geführt, der letzten Station seines Theaterlebens, wo er von 1994 bis 2007 Generalintendant war. Als er antrat, war die grüne Kultursenatorin, mit der er verhandelt hatte, bereits abgelöst, und er bekam es mit einer Verwaltung zu tun, die sich einen Musicaltempel wünschte, ihm Unternehmensberater auf den Hals schickte und Sparrunden aufbürdete, die er abwehren oder zumindest kleinhalten musste. In der Öffentlichkeit gab sich Pierwoß volksnah, radelte mit Bürgermeister Scherf im Werder-Trikot auf dem Tandem ins Weserstadion und tauschte mit König Otto (Rehhagel) das Kostüm; gegenüber der Politik aber verteidigte er das Theater mit Klauen und Zähnen. Neun Kultursenatoren hat er kommen und gehen sehen – und das Haus vor der Insolvenz gerettet. Als er abtrat, war der Vier-Sparten-Betrieb in seinem Bestand gesichert und künstlerisch auf mehr als nur solidem Niveau; das Bremer Musiktheater wurde zur „Oper des Jahres“ gewählt.

          Wegweisende Bilanz

          Sein erstes Engagement als Dramaturg hatte Pierwoß, der 1942 im niedersächsischen Berge geboren wurde, 1971 am Landestheater Tübingen gefunden, an das er nach drei Jahren am Nationaltheater Mannheim, wo er die Schillertage mit­begründete und Uraufführungen von Volker Braun durchsetzte, 1978 als Intendant zurückkehrte. Schon am Schauspiel Köln, wo er 1985, nachdem mehr als ein Dutzend Kandidaten öffentlich vorgeführt und vergrault worden waren, als Nachfolger von Jürgen Flimm einsprang, bewies er Nehmerqualitäten. Lange hat er mit der Stadt (und vor allem sie mit ihm) gefremdelt, im Rückblick aber zeigte seine Bilanz Weg­weisendes: Manfred Karge stieß mit „Medea“ eine kleine Hans-Henny-Jahnn-Renaissance an, Dimiter Gotscheff wanderte ins bundesdeutsche Theater ein, Frank Castorf gab kurz vor dem Mauerfall mit „Hamlet“ sein West-Debüt.

          Als Pierwoß 1990, noch vor der Wiedervereinigung, als Chefdramaturg ans Berliner Maxim-Gorki-Theater wechselte, wurde das als Karriereknick wahrgenommen, doch die Möglichkeit, die über viele Jahre gepflegten Arbeitskontakte in die DDR fortzuführen und in den Epochenbruch einzubringen, verstand der „alte Achtundsechziger“, wie er sich selbst nannte, als historische Chance. Dann rief Bremen, und er musste die roten Boxhandschuhe, die er schon in Köln geschenkt bekommen hatte, noch einmal überstreifen: für einen Kampf, der alle seine Fähigkeiten forderte und sein Meisterstück wurde. Am Pfingstsonntag ist Klaus Pierwoß im Alter von 79 Jahren gestorben.

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