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Klaus Maria Brandauer : Ich möchte gern der sein, den ich spiele

Aber an diesem Wolfsburger Abend sieht man noch etwas anderes, nämlich: einen letzten Mann. Denn dieser Brandauer ist auf eine inzwischen untypisch kompromisslose Weise darauf aus, mit seinem Spiel zu wirken, sein Publikum mit allem, was er an Gesten, Mienen und Körperlichkeit mobilisieren kann, zu beeindrucken. Er geht keine Umwege über Psychologie oder Ironie, sondern wählt gleich den direkten Weg der absoluten Identifikation. Den heutigen Theatergängern mag sein expressives Spiel, die pathetischen Gesten und donnernden Stimmlagen, naiv erscheinen – aber genau diese Naivität, besser Unschuld, ist es, die sein Spiel dem Publikum zugänglich macht. Ihn zum Volksschauspieler im alten Sinne erklärt. Vielleicht den letzten, den wir noch haben.

Auf einem Platz jenseits aller Kategorien

Jetzt sitzt er da – der Volksschauspieler bei Volkswagen – in einer Bar hinter der Bühne. Er, der noch in Fritz Kortners letzter Inszenierung auftrat, seit 1972 zum Ensemble des Burgtheaters gehört und mit Filmen wie „Mephisto“, „Jenseits von Afrika“ und als Bösewicht im James-Bond-Streifen „Sag niemals nie“ internationale Bekanntheit erreichte. Seine letzten Auftritte auf der Bühne hatte Brandauer unter der Regie von Peter Stein, als Kleists Dorfrichter Adam, Sophokles’ Ödipus, Becketts Krapp und zuletzt Shakespeares King Lear. Brandauer und Stein – zwei alte Heroen, die sich im Alter gefunden, aber inzwischen schon wieder verloren haben. In seiner Heimat, im steirischen Altaussee, hat Brandauer lange Zeit ein Poesiefestival organisiert, die Texte von dem fast vergessenen Jakob Wassermann vorgelesen, der hier in der Gegend gelebt hatte. Aber auch das gibt es inzwischen nicht mehr. Dafür Preise und Auszeichnungen. Und Interviews, die er meist nach der Hälfte abbricht.

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Seine Unberechenbarkeit ist routiniert geworden: Ein falsches Wort, eine unvorsichtige Bemerkung, schon braust er auf, geht in die Offensive. Vielleicht ist das eine Masche, ein Markenzeichen, dieser kinskihafte Wunsch, immer, überall und bei allen als genialisch gelten zu wollen. Vielleicht steckt dahinter aber auch einfach nur die Angst des Spielers, als Mensch nicht gleichauf zu sein mit seinen Rollen. Brandauer sagt nicht viel bei diesem kurzen Treffen. Aber zwischen aller Polemik fällt nebenbei der entscheidende Satz: „Ich möchte gern der sein, den ich spiele.“ Kurz zögert er, ob er diesen Satz kommentieren, in eine bestimmte Richtung schieben soll. Aber dann lässt er ihn einfach stehen. Als Motto und Programm seines Schauspielerlebens.

Brandauer hat einen Platz jenseits aller Kategorien eingenommen. Er ist eine Ausnahmeerscheinung. Auf der Bühne wie im Leben. Als er als junger Mann an die „Burg“ kam, schrieben die Zeitungen „Der Komet kommt“, und bei den Premierenfeiern tanzte er bis in die Morgenstunden zu Elvis. Es hat sich viel verändert seitdem. Neue Kometen sind entdeckt, und aus den Lautsprechern dröhnt an diesem Abend seichter Elektropop. Aber Brandauer scheint derselbe geblieben zu sein. Immer noch ein Komet, immer noch ein österreichischer Elvis. Man muss ihn nicht mögen, um zu sehen: Hier sitzt einer, den wird man nicht vergessen können.

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