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„Mephisto“ in Frankfurt : Wenn man vom Teufel spricht

Mephisto kann er, an Hamlet scheitert er: Christoph Pütthoff als Hendrik Höfgen alias Gustaf Gründgens. Bild: Arno Declair

Mit Distanz, aber ohne Absicht: Claudia Bauer inszeniert „Mephisto“ nach Klaus Mann im Schauspiel Frankfurt. Doch was sagt sie uns über den Deal des Künstlers mit dem Bösen?

          3 Min.

          Was wollen die Menschen von mir?“, wimmert er am Boden liegend zuletzt voller Selbstmitleid, als glaube er tatsächlich selbst, was er da Irres von sich gibt: „Ich bin doch nur ein ganz gewöhnlicher Schauspieler.“ Dabei hat Hendrik Höfgen, der maliziöse „Mephisto“-Darsteller und Darling des NS-Regimes, der verführbare Künstler und intellektuelle Mitläufer par excellence, gerade etwas für ihn Wesentliches erkannt: dass er den Hamlet nicht spielen kann. Die Friedhofsszene will der Schauspieler von Görings Gnaden probieren, als der Totenkopf auf dem Theater im Theater als gigantischer Goldschädel über ihn kommt. Er kann ihn, den zur Hure verkommenen Kulturbetrieb, dessen Zeremonienmeister er selbst ja ist, so will man das lesen, nicht bezwingen. Während Freunde und Wegbereiter längst aus Deutschland geflohen oder dem Regime zum Opfer gefallen sind, gesteht Höfgen sich da für einen Augenblick sein wahres Charakterfach ein: der Affe der Macht ist er, ein Clown zur Zerstreuung der Mörder.

          Sandra Kegel
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Klaus Manns Schlüsselroman „Mephisto“, geschrieben aus der verzweifelten Wut des Jahres 1936 heraus, erzählt als eines der frühesten Werke zur NS-Diktatur kaum verschlüsselt die Geschichte des Schauspielers und Regisseurs Gustaf Gründgens. Erst als Mephisto gefeiert, geht er selbst einen Pakt mit dem Teufel ein. Wie Gründgens arrangiert sich Höfgen, der sich zuvor durchaus kommunistisch-revolutionär gibt, nach 1933 mit den neuen Machthabern, um Karriere zu machen. Es sei ihm weniger um Porträts als um Typen gegangen, hatte Klaus Mann seinen Roman nicht zuletzt gegen die juristischen Anwürfe verteidigt, die dazu führten, dass das Werk in Westdeutschland bis 1981 verboten blieb. Der Stoff, vielfach adaptiert fürs Theater unter anderem von Ariane Mnouchkine, hat freilich nichts von seiner anschaulich beklemmenden Wirkung verloren.

          Das Schauspiel Frankfurt bringt „Mephisto“ in der dramatischen Fassung der Leipziger Regisseurin Claudia Bauer mit auf Abstand agierenden Schauspielern erstmals auf die Bühne (Andreas Auerbach). Die Inszenierung verzichtet dankenswerterweise auf rauschendes Zwanziger-Jahre-Dekor, wartet auch nicht mit SS-Stiefeln, Wehrmachtsgrau oder Zarah-Leander-Songs auf. Auch Christoph Pütthoff in der Titelrolle darf den Abend ohne die durch Gründgens ikonisch gewordenen bedrohlichen Augenbrauen samt blutroten Lippen auf weißer Schminke bestreiten. Sein Mephisto ist eher der Typ Mickey Mouse mit ungelenken Händen, während Göring (Sebastian Kuschmann) in weich-brutaler Nacktheit zusammen mit seiner Miss-Piggy-Gattin als groteskes Mördermonsterpaar mit akustisch verfremdeten Stimmen erscheint.

          Geschichtsunterricht will Claudia Bauer nicht erteilen. Sie treibt den Stoff lieber der Gegenwart entgegen. Auch wenn entsprechende Schlüsselbegriffe nicht fallen, über „Smoothies“ und „versifftes linkes Theater“ geht die Aktualisierung letztlich nicht hinaus, lassen sich in Motiven und Mentalitäten Bezüge zu heute herstellen, wenn etwa die Schauspieler in der Kantine darüber streiten, wie viel und vor allem Engagement für wen womöglich welche Konsequenzen hat. Dass die Schauspieler die meiste Zeit in schwarze Trikots gekleidet sind, verstärkt den Anspruch auf Zeitlosigkeit.

          Schwach war vor allem der Auftakt der Inszenierung, die berühmte Ballszene im Berliner Opernhaus, die hier beispielhaft erkennen lässt, worin die dramaturgischen Tücken einer Romanadaption liegen. Da wurde erst gar nicht versucht, die Beschreibungen aus dem Buch in Bühnensituationen aufzulösen, sondern die meist in indirekter Rede geschilderte Handlung vom Ensemble eins zu eins vorgetragen. Dass der Abend in der zweiten Hälfte an Fahrt gewann, lag auch an den Schauspielern, die sich nach gut einer Stunde freigespielt hatten. Und auch das Stück drang nach der langen und sattsam bekannten Vorgeschichte endlich vor zu Pudels Kern.

          Szene aus „Mephisto“.
          Szene aus „Mephisto“. : Bild: Arno Declair

          Bei Christoph Pütthoffs Höfgen kam es dabei zu dem kuriosen Effekt, dass der Frankfurter Schauspieler mit seinem flächigen Gesicht dem jüngeren Brandauer verblüffend ähnlich sieht, er die Rolle dann aber ganz anders anlegte als dieser in István Szabós oscarprämierter Verfilmung von 1981. Pütthoff zeigt die Figur gerade nicht von Anbeginn als diabolischen Charakter und skrupellosen Opportunisten wie im Roman, sondern führt ihn ein als hochbegabten, hochsensiblen, mit sich hadernden Schauspieler, dem der mokante Höfgen-Ton und sein „aasiges Lächeln“ noch nicht in Fleisch und Blut übergegangen sind. Die Verführung zeigt Pütthoff als schleichenden Prozess, hier wird einer vom Spieler zum Zyniker, und seine Begabung, die Strömungen der Zeit früher als andere zu wittern, führt ihn erst allmählich in die schmutzige Karriere. Er hätte sich immer auch anders entscheiden können, selbst noch im Pariser Exil. Doch als er dort die aus Deutschland Vertriebenen einsam, ziellos und unbeachtet durch die Stadt irren sieht, beschließt er die Rückkehr; fortan gibt es nur noch Verrat und Vereisung der Gefühle.

          Die anderen Schauspieler des Abends haben Mehrfachrollen übernommen. Melanie Straub lässt als Höfgens kantige Ehefrau Barbara Bruckner, die Tochter aus bildungsbürgerlichem Elternhaus, unschwer Erika Mann erkennen, die schon vor der Emigration und der vom Gatten angezettelten Scheidung über das Ritual mit einem Frühstücksei Höfgen aufs eleganteste zu demütigen versteht. Fridolin Sandmeyer als junger Schauspieler Miklas arbeitet aus dessen Psychopathologie heraus, warum einer immerzu auf der falschen Seite stehen kann, zum Nazi wird in der Weimarer Republik, zum NS-Gegner im Dritten Reich. Und auch Anna Kubin als gefeierte, dann verjagte jüdische Schauspielerin Dora Martin hat ihre Momente. Über solche Momente aber kommt der Abend nur selten hinaus. Die Inszenierung hat sich gegen die historische Ausstaffierung ebenso entschieden wie gegen eine aufdringliche Aktualisierung. Doch was die Intention ist, bleibt bis zuletzt offen – womöglich ist es ja die zeitlose Erkenntnis, dass die Wandlungsfähigkeit eines medialen Stars einen Deal mit dem Bösen überhaupt erst möglich macht und seine Angst, in die Bedeutungslosigkeit zu fallen, diesen für ihn so bitternötig.

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