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Klassik-CD der Woche : Die Amfortas-Wunde ist ganz gut verheilt

  • -Aktualisiert am

Auf dem Grund des Rheins schaut man in den Abgrund der Seele: Szene aus der Frankfurter Rheingold-Inszenierung von 1985 Bild: Mara Eggert

Was bringt das Wagner-Jahr auf dem Tonträgermarkt? Nichts Neues, nur Erinnerungen und Recyceltes. Denn Wagner gehört heute zum Klassiker-Kanon.

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          Das Wagner-Jahr, eben angebrochen, könnte ebenso gut gleich wieder vorbei sein. War denn nicht schon letztes Jahr ein ganz hervorragendes Wagner-Jahr? Und das vorletzte? Das vorvorletzte? Wagner ist fraglos allgegenwärtig. Wie ließe sich das noch übertreffen, krönen?

          Keiner scheint so recht zu wissen, was er anfangen soll mit diesem Jubiläum. Gewiss gibt es etliche neue Wagner-Bücher, auch reichlich Ausstellungen, Symposien, CD- und DVD-Editionen. Aber was immer man aufschlägt, wo auch immer man hineinhört, alles wirkt verdruckst, verlegen und abgeschlafft. Es gibt einfach nichts Neues zu sagen über Richard Wagner. Der Fall ist ausgeforscht. Alle Quellen liegen nun auf dem Tisch. Alle Werke sind durchdiskutiert, die Fronten erkaltet, und der alte Streit, wie antisemitisch ein Künstler sein dürfe, ist ausgefochten. Echte Gefechte um Wagners Werk und Wirken fanden vor vierzig, fünfzig Jahren statt. Noch vor dreißig Jahren mahnte der Doyen der Musikkritik, der große Joachim Kaiser: „Unsere Wagner-Liebe krankt an einer Amfortas-Wunde.“ Damit ist es jetzt vorbei. Diese Amfortas-Wunde scheint inzwischen gut verheilt zu sein!

          Jedenfalls zitiert Martin Geck, Doyen der Musikwissenschaft, Kaisers Worte zu Beginn seines neuen Wagner-Buches (es heißt schlicht „Wagner“, im Siedler-Verlag) und entgegnet, ihn, Geck, „gelüste“ es heute keineswegs mehr danach, „Wagner auf die Schliche zu kommen“, er wolle nur „Brücken schlagen“ zwischen „einstigen und gegenwärtigen Wagner-Diskursen“. Und lehnt sich gemütlich zurück, um ein paar alte Lagerfeuergeschichten zu erzählen. Auch Hans Neuenfels, Doyen des Musiktheaters, blickt zurück. Er las zur Eröffnung der Wagner-Ausstellung der Berliner Akademie der Künste aus einer rattenscharfen Wagner-Novelle vor, die er vor dreißig Jahren schrieb. Die Ausstellung heißt „Wagner 2013 - Künstler-Positionen“. Die schärfsten und streitbarsten der dort ausgestellten Wagner-Bilder stammen wiederum von den Altmeistern, von Achim Freyer oder Neuenfels, Heiner Müller oder Ruth Berghaus, deren Frankfurter „Ring“so provozierend stark und bitter wirkt, so blutrot und lebendig, dass der junge, dekorative Met-“Ring“ von Robert Lepage (neu als Blu-Ray und DVD bei der Deutsche Grammophon) dagegen ganz schön alt aussieht. Auch sonst bringt das Wagner-Jahr auf dem Tonträgermarkt bislang nichts Neues, nur Erinnerungen, Recyceltes.

          Glasklar und stahlhart

          Zwei dieser Editionen aus dem Archiv sind allerdings empfehlenswert. Die Box „The other Wagner“ mit Klavier- und Orchestermusiken macht teils Vergriffenes wieder verfügbar, darunter die fragmentarische E-Dur-Symphonie mit Wolfgang Sawallisch und dem Philadelphia Orchestra. In der reichillustrierten Semperoper-Edition gibt es Auszüge zu hören von den ersten Wagner-Aufführungen, welche die sowjetische Militärverwaltung 1949 wieder erlaubt hatte. Glasklar und stahlhart singt Brünnhild Friedland die Hallenarie der Elisabeth aus „Tannhäuser“, mild und süß Christel Goltz den Liebestod Isoldens.

          1933, als Adolf Hitler an die Macht kam und Wagners Todestag sich zum fünfzigsten Mal jährte, erklärte Arnold Schönberg (der im Oktober desselben Jahres in Le Havre das Schiff bestieg, um sich vor Wagner-Liebhaber Hitler in Sicherheit zu bringen): „Für mich ist Wagner eine ewige Erscheinung, ganz unabhängig davon, wie sich die Modeströmungen zu ihm stellen. Man kann nicht einmal die Ideenwelt Wagners als überholt und veraltet bezeichnen, denn jeder ,gedachte’ Gedanke kann nicht veralten - er gehört zum Aufbau der Welt.“ Schönberg, als Zeitgenosse der Zukunft, hat schon früh in Wagner den Klassiker erkannt.

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