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Brecht-Festival in Augsburg : Klagen, weinen, wüten

  • -Aktualisiert am

Die große Kühle im überhitzten Schauspielbetrieb: Corinna Harfouch Bild: Brechtfestival

Stefanie Reinsperger stellt dem notorischen Frauenverzehrer eine Phalanx aus Erinnyen gegenüber, Corinna Harfouch kombiniert ihn mit Simone Weil: In Augsburg hat das Brecht-Festival eröffnet.

          3 Min.

          Wer zur Freude von Thomas Bernhard am Morgen nicht nach Augsburg kam, wegen Quarantäne oder Orkan, der konnte hinter verschlossenen Rollläden von zu Hause zumindest dabei zuschauen, wie sich ein paar bekannte Theaterschauspieler mit Brecht beschäftigen. Nicht beim Eröffnungsabend der beiden scheidenden Festivalleiter Jürgen Kuttner und Tom Kühnel konnte man dabei sein, aber als Trost immerhin einige aufwendig produzierte Theaterfilme ansehen, die die künstlerisch Beteiligten des vergangenen Festivaljahres hergestellt haben.

          Corinna Harfouch etwa, die große Kühle im überhitzten Schauspielbetrieb, kombiniert hier Passagen aus Brechts „Mutter“ mit Simone Weils „Fabriktagebuch“. Während die Szenen aus der 1932 uraufgeführten Revolutionstragödie von Papierpuppen angespielt werden, liest Harfouch die Sätze von Weil im Halbdunkeln an einem mit weißen Blättern bedeckten Tisch. Liest von jener mutigen Frau, die ihre eigene Ideologie überprüfen will und dafür in einer Autofa­brik schuftet, um zu erfahren, was denn das von linken Intellektuellen oft beschworene revolutionäre Schicksal eigentlich bedeutet. Was es heißt, den Tag über am Fließband zu stehen und das Arbeitstempo verdoppeln zu müssen. Was es heißt, in der Pause beim Essen den Blick nicht von der Uhr zu lösen, aus Angst, zu spät zurück zur Schicht zu kommen und so eine unbezahlte Arbeitsstunde zu riskieren. Simone Weil schildert die Angst der prekär Beschäftigten, ihre monotonen Gedanken, ihre Einsamkeit – für revolutionäres Pathos bleibt dabei keine Kraft: „Man ist auf der Welt, um zu gehorchen und zu schweigen.“

          Im Gegenteil wird bei ihr die Melancholie über die Enge des ökonomischen Dogmas zum eigentlich schlagenden Argument: Die Arbeiter leiden nicht nur unter dem geringen Lohn, sie leiden vor allem auch unter der Missachtung, die sie als Menschen erfahren. So gerät Harfouchs halbstündige Parallelperformance auch zu einer Kritik an Brechts Anteilnahme aus der Distanz. Wenn die Kamera nach dem Verlesen der eindrucksvollen Tagebucheinträge noch ein paar Sekunden lang auf Harfouchs Gesichts bleibt und einfängt, wie die gesprochenen Worte auf ihre Mienen wirken, denkt man unwillkürlich an jene Anekdote, nach der Brecht immer ein wenig Dreck in der Hosentasche getragen haben soll, damit seine Fingernägel proletarischer aussähen.

          Mehr als ein Unterkapitel in der Biographie

          Daran – an den Dreck – knüpft Stefanie Reinsperger an, die in ihrem kurzen, zusammen mit Regisseur und ­Darsteller Akin Isletme gedrehten Theaterthriller etwas Experimentelles über Brechts Verhältnis zu den Frauen sagen will. Sie spielt „all die, die er einmal in seinem Bett hatte“ – vor backsteinerner Fabrikwand, mit Zigarette in Groß­aufnahme, mit Fetzen seiner ­Liebesgedichte im Mund. In einer verlassenen Bahnstation im Wald gibt sie sich als „Dreck“ zu erkennen und definiert ihn mitleidslos als „Materie an unerwünschter Stelle“.

          Sie klagt, sie weint, sie wütet – und stellt dem notorischen Frauenverzehrer Brecht so eine Phalanx aus Erinnyen gegenüber. Der darf sich immerhin verteidigen, von seiner inneren Versehrtheit sprechen, der Anarchie, die in seiner Brust lebt. Isletme redet sich in Rage, greift hilfesuchend nach seinen runden Brillengläsern, um am Ende doch einzugestehen: „Ich kenne mich im Leben nicht aus.“ Brecht und die Frauen – das ist mehr als ein Unterkapitel in seiner Biographie. Die erotische Unbeständigkeit des gebürtigen Augsburgers steigert sich zu einem achtlosen Verlangen, wie es sich etwa im „Baal“ auch literarisch brachial Bahn bricht: „leben will ich, eure Sonne schnaufen“.

          Auswege aus dem Verstummen

          Das Theaterpaar Charly Hübner und Lina Beckmann gibt dem Thema schließlich eine versöhnliche Note, indem sie aus Brechts Briefwechsel mit Helene Weigel lesen. Allein die intimen Anreden „Liebe Helly“, „Lieber B“ beschwören eine andere Persönlichkeit, eine, die von Premierenfeiern ins Exil flüchtet, die die Eifersucht seiner Gefährtin sanft beruhigt und geschickt auf die Gefahr einer Überamerikanisierung lenkt. Die Stimmen der beiden einander vertrauten Schauspieler bürgen für den zweideutigen Charakter eines Autors, der neben allem Politpompösen auch stille Liebesgedichte geschrieben hat. Die Briefzeilen erklingen vor dem Panorama des pandemisch leer gefegten Hamburgs, rastlos fährt die Kamera durch die Stadt. Auf der Suche nach Zeichen vergangenen Lebens bleibt sie vor einem Warnschild stehen, das an die „Maskenpflicht“ erinnert. Und fährt dann hoch, zum Namen des Platzes: „Große Freiheit“.

          So finden die Schauspieler mit ihren Filmen Auswege aus ihrer unverschuldeten Unmündigkeit, ihrem Verstummen – indem sie sich unter den Vorzeichen einer neuen Zeit dem alten Theaterrevolutionär zu nähern versuchen, kommen sie auch wieder zu sich selbst.

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