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Der „Freischütz“ in Amsterdam : Der böse Bariton hat, was Frauen wollen

Beeindruckend körperliches Theater

Die Bühne ist ein Probestudio mit Mischpult, Kleiderständern und Schmink­tisch, wohin Odins Feenwesen sich verirrt wie ein freundliches Phantom der Oper. In knallroter Seidenkluft, mit blutrotem Haar und manchmal einem Seidenschwänzchen (Serebrennikow und Tatjana Dolmatowskaja haben die Kostüme gestaltet) erklärt er die Ouvertüre zum Teaser des Stückes und stellt anhand ihrer Motive die Protagonisten vor, die aus einem mit Jagdtrophäen möblierten Nebenraum mit stummfilmreifem Mienenspiel auf Großbildschirme eingeblendet werden (expressiv: die Videos von Alan Mandelshtam). Beim Eröffnungschor, der hämisch lachend Patzer verspottet, tanzt er mit dem neuesten Gesangsstar Kilian (mit sonor-geschmeidigem Bariton und akrobatischer Spielfreude: Michael Wilmering), der in diesem Pas de deux seine Schlussstrophe im Kopfstand intoniert.

Serebrennikow macht ein sehr körperliches Theater, die Ambitionen der Männer übersetzt er direkt in Libido. Max (mit tenoralem Glanz und Schmelz: Benjamin Bruns) zweifelt an seiner durch sein edles Stimmfach determinierten Identität, weil seine Frau im Bett „dirty talk“, also baritonale Dämonie von ihm verlangt habe. Günther Groissböck singt den Kaspar, dessen Ingrimm durch erotische Frustration, aber auch durch sein überwundenes Selbst als Chorist motiviert wird, mit triumphaler Schwärze und offener Hemdbrust, während per Video maskuline Eroberungsphantasien aufleuchten. Lyrismen wie Grauslichkeit der Natur erklingen aus dem von Patrick Hahn pointiert und durchhörbar geführten Concertgebouw-Orchester als sei es der Abgrund des Menschlichen. Wie Groiss­böck die durch rote Lichtblitze hervorgehobene Gunst von Hahn ge­nießt, Bruns aber an dessen vermeintlicher Nichtliebe verzweifelt, das erzeugt immer wieder Lacher im Publikum.

Das Verhältnis der Solistinnen ist in der Produktion das zwischen der Möchtegern- und der echten Diva. Die Chinesin Ying Fang gibt mit agilem, wohlfokussiertem Sopran ein quecksilbriges Ännchen, das mit Birons Rotem Kobold ein Ballett-Exercise hinlegt, zwischen den Nummern aber über Agathes Formschwäche giftet. Die Südafrikanerin Johanni van Oostrum verkörpert diese konservative Sympathieträgerin als diszipliniert und selbstlos der Musik hingegeben. Die in Sprüngen anhebende, weit atmende Kavatine intoniert sie so rein und schimmernd, dass der sie umgarnende Rote gleichsam ins Herz getroffen von der Couch rutscht.

Im Reich der Musik hat auch der Jägerchor nichts deutsch Dumpfes. Der Choreograph Jewgeni Kulagin lässt dabei die Frack tragenden Choristen ein zwischen Volks- und Maoritänzen changierendes polyphones Ballett tanzen, das mit höchst diversen Hebungen zum humoristisch geerdeten Lobgesang auf die Männlichkeit gerät. Wackler in der musikalischen Koordination werden in den weiteren Vorstellungen sicher behoben werden. Als Bruns’ Max im Finale Manipulationen zugibt, ist es Groissböck, der nun statt des Eremiten als Fürsprecher aus dem Publikum tritt und von der Bühnenobrigkeit eine Probefrist erwirkt. Das Publikum applaudiert stehend, ein Deutscher gesteht, er sei mit dem „Freischütz“, den er eigentlich verabscheue, praktisch versöhnt. Einige Buhrufer verleihen dem Abend zusätzlich Würze.

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