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Petrenkos Abschied in München : Höchste Lust, ganz bewusst

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Zur Rache für Morolds Tod ist sie nicht fähig: Isolde (Anja Harteros) schon Tristan (Jonas Kaufmann) Bild: Wilfried Hösl

Kirill Petrenko, Jonas Kaufmann und Anja Harteros beschenken München mit einer Aufführung von Richard Wagners „Tristan und Isolde“, wie es sie lange nicht mehr gegeben hat.

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          Zum Ungeheuerlichsten der Partitur von „Tristan und Isolde“ gehört die konkrete Art ihrer Entstehung. Richard Wagner war, wie so oft, in Geldnot und wollte schnell fertig werden. Dem Verlag hatte er ein kurzes, „durchaus praktikables Opus“ angekündigt, das er innerhalb eines Jahres abzuschließen gedachte. Gezahlt wurde in Raten. Deshalb verpflichtete er sich, kontinuierlich Manuskriptseiten zu schicken, die sofort lektoriert und für den Notenstecher vorbereitet wurden. Das heißt: Wagner konnte nicht zurückblättern, abgleichen, korrigieren. Er hatte nie größere Abschnitte vor sich. Er musste nicht nur alles im Kopf haben, sondern auch im Kopf behalten. Er war – seine Muse Mathilde Wesendonck hin oder her – extrem unter Druck. Und er dürfte, wie der Wagner-Herausgeber Egon Voss einmal formulierte, „zeitweise schlichtweg draufloskomponiert haben“. Vielleicht ist „Tristan und Isolde“ gerade deshalb geworden, was es nun ist: ein waghalsiges Experiment, ein Weg ins Offene.

          Dass das nun im Münchner Nationaltheater, wo das Stück 1865 uraufgeführt wurde, genau so hörbar ist, in aller Frische, Risikofreude, aber auch Bewusstheit und Präzision, das macht die Eröffnung der Münchner Opernfestspiele zu einem musikalischen Ereignis ersten Ranges. Kirill Petrenko dirigiert bei dieser letzten Premiere in München, wo er bis 2020 Generalmusikdirektor war, keine abgezirkelte Inkunabel der Moderne. Er kommt ganz ohne jene pastose Selbstgefälligkeit aus, die sich selbst bei einem „Tristan“-Meister wie Christian Thielemann ab und zu einschleicht. Das in jedem Moment Unerwartbare, das im emphatischen Sinn Neue – hier ward’s Ereignis. Dabei liefert Petrenko auch gleich mit, was Wagner erst in München justieren konnte, nachdem er das Stück zum ersten Mal gehört hatte, und was über das Autograph hinausgeht: eine Rückstufung der Dynamik, die nicht nur mit Laut und Leise zu tun hat, sondern auch mit den Finessen von Artikulation und Phrasierung, mit gezielten Unschärfen. An vielen Details ließe sich das festmachen.

          Soll man die Holzbläser des Bayerischen Staatsorchesters zuerst loben, die hauchzarte Verschiebungen des Klanges zaubern und dabei die Techniken von György Ligeti ahnen lassen? Oder die Eleganz der Horn-Gruppe, die bei solchen Metamorphosen teils helfen, teils führen? Oder die Diskretion von Posaunen und Tuba, die den Gesangstext zu kennen scheinen? Wann je ist die Schlüsselrolle der Bratschen für diese Partitur so klar geworden? Wann die Fragilität jener Chromatik, die in die Vertikale der Harmonik genauso eingesenkt ist, wie in den horizontalen Verlauf einzelner Linien? Durchhörbar bleibt Petrenkos „Tristan“ in jedem Moment: transparent, luzide, sogar elegant, dabei zugespitzt in der Agogik, belebt bis in die kleinste Pause. Wer hat das seit Carlos Kleiber je wieder so hinbekommen?

          „Wie, hör’ ich das Licht?“, fragt Tristan. Ja, an diesem Abend hört man es – in unendlich feinen Brechungen. Damit ist nicht nur das Gerede vom „symphonischen Stil“ des Stückes hinfällig, sondern die Balance zwischen Orchester und Singstimmen stellt sich neu her. Die Sänger können innere Erlebniszustände in Klang fassen und müssen sich nicht mit der Produktion von Klangmasse abkämpfen.

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