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Kinderoper „Fatima“ : Her mit den gestohlenen Träumen!

  • -Aktualisiert am

Den Fiesling austricksen: Sorin Coliban als Schlossherr wird umtanzt von Andrea Carroll als Fatima. Bild: Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Johanna Doderers Kinderoper „Fatima“ nach einer Geschichte von Rafik Schami ist ein wunderbares Musikmärchen, das es mitunter an Dramatik vermissen lässt.

          Aufgeregtes Gewusel im Foyer der Wiener Staatsoper zu einer Zeit, in der so manche Kulturfreaks gerne noch schlafen. Doch an diesem frühen Vormittag wird eine Kinderoper aus der Taufe gehoben, „Fatima, oder von den mutigen Kindern“, eigens in Auftrag gegeben an die aus Bregenz stammende und nun in Wien lebende Komponistin Johanna Doderer. Dass für diese vorweihnachtliche Uraufführung das große Haus am Ring als Veranstaltungsort gewählt wurde, ehrt nicht nur die Komponistin, sondern auch den Intendanten, Dominique Meyer. Mit großem Elan hat der Elsässer vorangetrieben, was bereits unter seinem Vorgänger, Ioan Holender, begonnen wurde: die Integration spezieller Kinderaufführungen ins Programm des Wiener Traditionshauses.

          Seit Herbst dieses Jahres wurde dafür sogar eine eigene Spielstätte im früheren Stadttheater in der nahen Walfischgasse eröffnet, das nun mit rund 230 Sitzplätzen fast doppelt so vielen jugendlichen Besuchern Platz bietet als zuvor das auf der Terrasse der Staatsoper aufgestellte Kinderopernzelt. Rund vierzig Kinderaufführungen pro Spielzeit sind im neuen Haus geplant, zusätzlich finden dort auch Künstlergespräche, Werkeinführungen und Lesungen statt. Doch für so spezielle Projekte wie diese Uraufführung wird auch die – gut-, wenngleich nicht ausverkaufte – Staatsoper genutzt.

          Der Schlossherr raubt die Träume

          Es wird dunkel im Zuschauerraum, und ein Raunen geht durch die aufgeregte, aber sogleich voll konzentrierte jugendliche Menge. Dunkel ist anfänglich auch die Bühne, die im kärglichen Licht hohe, dunkle Bäume eines Waldes erkennen lässt, in dem sich Fatima und ihr Bruder Hassan Lebewohl sagen. Die Armut in der kärglichen Hütte der kranken Mutter ist so groß geworden, dass Hassan trotz seiner Jugend Arbeit sucht. Und sie vermeintlich auch findet im Schloss eines reichen Herren, der ihm eine Goldmünze pro Woche verspricht, sofern er sich nie ärgert. Natürlich piesackt der üble Schlossherr in Rafik Schamis Erzählung „Fatima und der Traumdieb“, der das Libretto von René Zisterer folgt, den armen Hassan so arg, dass sogar das fröhliche Kind seine Fassung verliert – und mit ihr auch seine Träume. Denn es stellt sich heraus, dass der Schlossherr all den Kindern, die er beschäftigt, allmählich die Träume und damit auch die Lust am Leben raubt.

          Auf der Einheitsbühne (Ausstattung: Jan Meier), die mit wenigen Kulissenzügen von einem Wald in einen noblen Salon verwandelt werden kann, wird dies auch recht drastisch gezeigt: Da werden die Kinder in einen riesigen Fleischwolf gesteckt, aus dem sie als bluttriefende Törtchen wieder herauskommen, die sich der Schlossherr grunzend einverleibt. Wenigstens an dieser Stelle hätte man sich von Johanna Doderer einige schräge, dissonante Klänge erwartet. Doch die Anfang der neunziger Jahre zunächst bei Beat Furrer in Graz und danach bei Erich Urbanner in Wien ausgebildete Komponistin folgt auch in ihrer neuen Kinderoper dem Weg einer Neo-Neoromantik, den sie auch in ihren instrumentalen Stücken der letzten Jahre einschlug. Anklänge an arabische Musik – die Geschichte spielt bei Schami eigentlich in der Wüste – bleiben ausgespart, sieht man von rhythmischen Einlagen eines Xylophons einmal ab.

          Verschwören gegen den Bösen: Andrea Carroll und Kinder der Opernschule der Wiener Staatsoper.

          Es fehlen die dramatischen Momente

          Doderers Oper ist dramaturgisch zweifellos klug gebaut und durchsichtig instrumentiert – aber sie tönt so, als stamme sie aus der Mitte des vorletzten Jahrhunderts. Dagegen klingt sogar Hans Werner Henzes zwischen verschiedenen Stilen changierender „Pollicino“, mit dem die Staatsoper 2013 im Kinderopernzelt punkten konnte, geradezu wie freche Avantgarde.

          Zwar hat Doderer einige eingängige Melodien komponiert – die in den Folgevorstellungen von den Kindern sogar mitgesungen werden können –, zwar gelingt es ihr, einprägsame Charaktere zu entwickeln, doch letzten Endes fehlen dem rund einstündigen Opus jene dramatisch aufwühlenden Momente, in denen das ungleiche Herrschaftsverhältnis zwischen dem Schlossherrn und den von ihm gedemütigten Kindern ohrenfällig würde. Erst dann wäre es auch für Jugendliche emotional nachvollziehbar, in welche Gefahr sich die kleine Fatima begibt, als sie der Hütte der Mutter enteilt, um mit List dem bösen Schlossherrn die geraubten Träume der Kinder wieder zu entreißen.

          Verwandlung in ein verzweifelt-graues Mäuschen

          Zum Glück gleicht Henry Masons zwischen Humor und Direktheit vermittelnde Inszenierung solche Defizite aus. Da steht ein fieser Widerling auf der Bühne, der die Kinder lockt, wie bei den Grimms der Wolf mit seiner Kreidestimme – Sorin Coliban überzeugt als ebenso listiger wie brutaler Schlossherr. Auch Carlos Osuna gelingt es eindringlich, die Verwandlung vom fröhlichen Hassan in ein verzweifelt-graues Mäuschen zu vermitteln – wenngleich er stimmlich im großen Haus an seine Grenzen stößt. Und der liebreizenden Fatima von Andrea Carroll, die den Schlossherrn mit dessen eigenen Mitteln um den Finger wickelt, fliegen zu Recht die Herzen des jugendlichen Publikums zu. Ihre sichere Stütze finden die drei Protagonisten in Benjamin Bayl am Pult des klangschön musizierenden Bühnenorchesters der Wiener Staatsoper.

          Als am Ende die Träume – in Gestalt der Kinder des Chors der Opernschule der Staatsoper, die mit flatternden Plisseeumhängen dem Gefängnis entweichen wie bunte Schmetterlinge – von Fatima wieder zu ihren grau gekleideten Eignern zurückgebracht werden, da kennt der Jubel der begeisterten Kinder im Publikum keine Grenzen. Eine perfekte Weihnachtsgeschichte.

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