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Innsbrucker Festwochen : Neptun befiehlt ein Ketchup-Massaker

  • -Aktualisiert am

Jugend voller Tugend: Telemaco (David Hansen) erwartet seinen Vater Ulisse (Kresimir Spicer). Bild: Rupert Larl

In Innsbruck eröffnen die Festwochen für Alte Musik mit „Il ritorno d’Ulisse in patria“ von Claudio Monteverdi. Doch mit der Regie ist auch der gute Ruf in Gefahr. Wie konnte es so weit kommen?

          Da sitzt sie starr und stumm, die einsame Braut. Traurig blickt Penelope durch ihren weißen Schleier in die öde Männerrunde, die schlafend an der langen, festlich gedeckten Tafel lungert. Denn vom Bräutigam fehlt jede Spur. Der holzgetäfelte Saal einer Hafenkneipe, in dem der norwegische Regisseur Ole Anders Tandberg Claudio Monteverdis Oper „Il ritorno d’Ulisse in patria“ spielen lässt, eröffnet eine Fülle von Assoziationen: Was, wenn Odysseus/Ulisse gar nicht ausgezogen wäre in den Krieg? Was, wenn er bloß seine eigene Hochzeit schwänzte oder verlassen hätte? Wenn sich seine abenteuerliche Irrfahrt womöglich nur in seiner Phantasie zugetragen hätte? Ist Ulisse möglich nur ein Feigling, ein Angeber, der – wie später Henrik Ibsens Peer Gynt – mit lediglich geträumten Heldentaten prahlt? Jedenfalls ist er ein Schuft, der seine Ehefrau zwanzig Jahre lang warten lässt, bis er endlich zurückkehrt nach Ithaka, das im Tiroler Landestheater allerdings in ein steiles norwegisches Gestade verwandelt ist.

          Es sollte nicht die einzige Merkwürdigkeit dieser Eröffnungspremiere der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik bleiben, die in diesem Jahr ganz im Zeichen Monteverdis stehen, der 1567, also vor 450 Jahren, in Cremona geboren wurde. Zahlreiche Werke des italienischen Komponisten, ergänzt durch solche seiner Zeitgenossen, durchziehen auch das gesamte Konzertprogramm des bis Ende August dauernden Festivals. Der szenische Auftakt hätte eine würdige Huldigung an den kühnen Geist dieses wegweisenden Komponisten werden können. Doch der Regisseur Tandberg verspielt den spannenden Grundgedanken seiner Inszenierung rasch, wenn er ihn in ödem Klamauk versinken lässt.

          Das alles erinnert eher an einen Studentenulk

          Auf einer kleinen, erhöhten Bühne, die Erlend Birkeland entworfen hat, hinter der Hochzeitstafel, die immer wieder für szenische Intermezzi genutzt wird, taucht unvermutet ein in älplerischen Lederhosen hopsender Hirtenjunge auf, der Ulisse schon mal tief unters schützende Lammfell greift. Die Phäaken, die Ulisse entgegen dem Willen Nettunos (also Neptuns) auf ihrem Schiff aufnahmen, müssen sich, verhext vom Meeresgott, mit Ketchup zu Tode bespritzen; der Hirt Eumete, der den gestrandeten Ulisse in den Hochzeitssaal zurückgeleitet, trägt ständig kleine Plastik-Ochsen mit sich; und die Götter schwirren als Kellner mit Flügeln durch den Saal. Das alles erinnert eher an einen Studentenulk als an eine gut durchdachte Festwochen-Premiere, zumal vieles auch handwerklich schlecht gelöst ist, wie etwa die teils schummrig-diffuse, teils viel zu grelle Beleuchtung.

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          Bedenkt man, dass unter der Intendanz von René Jacobs noch Regisseure wie Ursel und Karl Ernst Herrmann, Joachim Schlömer oder Karoline Gruber in Innsbruck inszenierten, so drohen die Festwochen mit einer Produktion wie dieser ihren guten Ruf zu verspielen.

          Musikalisch nicht überzeugend

          Denn auch musikalisch hielt die Aufführung nicht alles, was man sich von ihr versprach. Alessandro de Marchi am Pult der multinational besetzten „Academia Montis Regalis“ erarbeitete, was bei den kargen Besetzungsangaben in der überlieferten Partitur auch nötig ist, eine eigene Spielfassung von „Il ritorno d’Ulisse in patria“: mit üppig besetztem Instrumentarium, dem auch Zinken, Posaunen, Dulzian und Orgel angehören. Diese opulente, durch die hohen Streicher jedoch auch sehr helle Instrumentierung kommt immer dann zum Einsatz, wenn die Götter singen. Monteverdi selbst hat den Gebrauch von Zinken und Posaunen für die Meereswelt Neptuns auch nahegelegt. Die sozusagen irdische Musik wird hingegen vom Continuo mit Cembalo und Chitarrone, ergänzt durch Blockflöten, Zupfinstrumente und Streicher repräsentiert. Obwohl in der Monteverdi-Forschung immer wieder moniert wird, dass gerade „Ulisse“ – anders als der orchestral reich besetzte „Orfeo“ – wegen der Konzentration auf die Vokallinien eines großen Instrumentariums eigentlich gar nicht bedürfe, gelingen de Marchi mit diesen dosierten Instrumentalzuordnungen prägnante Klangcharakteristiken. Allerdings hätten einige Stellen einen härter akzentuierten Zugriff verdient, allzu rund, manchmal sogar süffig lässt de Marchi sein Orchester phrasieren, so dass es fast schon jazzig zu swingen beginnt.

          Mit der instrumentalen Wiedergabe von Monteverdis Oper konnten die Vokalisten nicht ganz mithalten. Kresimir Spicer als Ulisse bringt zwar facettenreich die Stimmungsschwankungen des Titelhelden zur Darstellung, doch in den dramatischen Ausbrüchen klingt sein baritonal gefärbter Tenor oft etwas angestrengt. Die warmen, lyrischen Passagen der Figur gelingen ihm weit eindrucksvoller. Manieriert wirkt hingegen der Countertenor David Hansen als Telemaco, und Christine Rice als Penelope benötigt Anlaufzeit, um glaubhaft in die Rolle der zurückgelassenen und zu Recht wütenden Braut hineinzufinden. Dass die von Giove (also Jupiter, gesungen von Halvor F. Melien) angeführte Götterwelt vom schlichten Hirten (Jeffrey Francis), vom verfressenen Iro (Carlo Allemano) und von den drei, ein dreifüßiges Tänzchen wagenden Freiern (Marcell Bakonyi, Hagen Matzeit, Francesco Castoro) an die Wand gesungen wird, spricht nicht gerade für eine gelungene Rollenbesetzung.

          Wenigstens am Ende findet die Inszenierung ein Bild für die tieferliegenden Schichten der Oper: Da rollt Ulisse tatsächlich unter der Hochzeitstafel hervor – sichtlich angetrunken und keinesfalls als strahlender Kapitän, als der er sich zuvor seinem wiedergefundenen Sohn in weißer Gala-Uniform zeigte. Im zerfledderten blauen Jackett wirkt der desorientierte Mann bestenfalls wie ein Schaluppen-Käpten. Dass ihm Penelope anfänglich misstraut, verwundert nicht. Und so weht auch eisiger Nebel aus jenem Raum, in dem die beiden im finalen Duett verschwinden.

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