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Salzburger Festspiele : Die Befehle des Blutes

Weiser Schmerzensmann gegen Zuchtmeister der Lüste: Willard White als Kadmus (links) und Russell Braun als Pentheus in der Salzburger Felsenreitschule Bild: dpa

Kent Nagano und Krzysztof Warlikowski gelingt mit der Oper „The Bassarids“ von Hans Werner Henze ein großer Wurf bei den Salzburger Festspielen.

          3 Min.

          Ein Ruf, der unter die Haut geht und deshalb das Denken in Gang setzt: „Ayayalya!“. Eine „Stimme hinter der Bühne“ kündigt mit ihm gleich im ersten Bild die Ankunft des Gottes Dionysos an. „Ayayalya“ ist sinnfrei, reine Vokalise, von der Sprache, dem „logos“, auch von der Vernunft gelöstes Tönen, reine Lust, Luftleib der Ekstase. Diese Ekstase wird im Verlauf der Oper die Massen ergreifen durch eine Musik, die älter ist und grausamer auch als der Mensch.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Schon mit diesem Ruf verrät sich die genaue Kenntnis der Antike bei W. H. Auden und Chester Kallman, die das Libretto für Hans Werner Henzes Oper „The Bassarids“ geschrieben haben. Die Musik – im emphatischen Singular – nämlich gibt es nicht. Die Zeit, in die „The Bassarids“ angeblich „zurück“ führen, die Zeit von Euripides’ Tragödie „Die Bakchen“ im Jahr 406 vor Christus, kannte mindestens zwei Musiken: die Musik des Maßes und des Lichts, der Sprache unterworfen, vom Gott Apoll mit seiner Lyra beschirmt, und die Musik der Entgrenzung, von der Sprache gelöst, den Imperativen des Blutes hörig, die Musik des Dionysos.

          „The Bassarids“, 1966 bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt, und dort nun in einer restlos packenden Neuinszenierung zu erleben, erzählen vom Untergang der Stadt Theben. Pentheus wird von seinem Großvater Kadmos zum neuen König ausgerufen. Pentheus ist Rationalist, Gegner des Aberglaubens, Zuchtmeister der Lüste, der auch den Kult um seine tote Tante Semele, die angeblich von Zeus schwanger wurde und den Gott Dionysos geboren haben soll, abschaffen will. Doch immer mehr Bürger verfallen Dionysos, der in den Wäldern vor der Stadt seine Orgien feiert. Er ist gekommen, um Rache zu nehmen an der Familie, die seine Mutter getötet hat – die Königsfamilie von Theben.

          Die Accessoires der Antike kann man dabei getrost vergessen

          Henze gab vor, das Stück in vier Sätzen wie eine Symphonie komponiert zu haben. Doch der Regisseur Krzysztof Warlikowski und seine Bühnenbildnerin Malgorzata Szczesniak überführen diese reinmusikalischen Überlegungen restlos in szenische Evidenz. Die breite Bühne der Felsenreitschule ist, wie ein skelettierter Bungalow, dreigeteilt: links der Treffpunkt des Volkes, in der Mitte der Palast der Regierung (die ein bisschen wie eine lateinamerikanische Diktatorenfamilie des zwanzigsten Jahrhunderts aussieht), ganz rechts das Schlafzimmer des Königs mit Bett und Schrank. Diese breite Bühne ermöglicht Erzählungen wie im Film in Split-Screen-Technik, also bei geteiltem Bildschirm.

          Es ist die Musik selbst, die diese Erzählweise nahelegt. Unerhört lebendige, knappe, spannungsreiche Dialoge von Einzelpersonen lässt Henze parallel zu Massenchorszenen ablaufen. Schwarzweißvideos vergrößern einzelne Bühnenvorgänge und unterstreichen das Filmische noch. Man könnte sich Dionysos – so charismatisch lockend, glühend böse, triebhaft traurig, wie ihn der großartige Tenor Sean Panikkar singt – als Held eines Hollywood-Epos vorstellen, gespielt vom jungen Marlon Brando oder von James Dean. Die Accessoires der Antike kann man dabei getrost vergessen.

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