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Theater in London : Was die Suez-Krise mit dem Brexit zu tun hat

Kenneth Branagh als der „Entertainer“ Bild: Johan Persson

Kenneth Branagh bringt in London John Osbornes Theaterstück „The Entertainer“ auf die Bühne.

          4 Min.

          Die Silhouette eines Mannes tritt wie aus der Schattenwelt der Vergangenheit ins Rampenlicht und beginnt mit dem Rücken zum Publikum langsam zu steppen. Aus jedem klackernden Schritt spricht Verzweiflung. Im Halbdunkel ist ein Bühnenrahmen auszumachen. Archie Rice probt seinen Auftritt in der schmierigen Revue eines Seebad-Theaters. Dort drischt der abgehalfterte Varieté-Darsteller zweimal abendlich vor fast leerem Haus seine groben, kalauernden Sprüche. Die Farbe blättert von den Wänden, Löcher klaffen in der bemalten Decke des viktorianischen Schauspielhauses. „Nicht zu laut klatschen, dies ist ein sehr altes Gebäude“, witzelt Archie selbstironisch. Der Satz ist sprichwörtlich geworden.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          In John Osbornes „The Entertainer“ verkörpert Rice einen der letzten Vertreter der niedergehenden Kunst des Music-Hall-Theaters. Sie dient als Sinnbild für das postkoloniale Britannien und das Schwinden der gemeinschaftlichen Werte in der zunehmend materialistischen Nachkriegsgesellschaft, das der Dramatiker mit einer Mischung aus Zorn und Sentimentalität anprangerte. „Die Music-Hall stirbt und mit ihr ein wesentlicher Teil Englands“, merkte Osborne am Anfang des gedruckten Textes zu seinem 1957 mit Laurence Olivier in der Titelrolle uraufgeführten Stück über den Zustand der Nation an, das unter der Regie von Rob Ashworth im Londoner Garrick Theatre wiederaufgenommen worden ist und am Donnerstag, dem 27. Oktober, auch in deutsche Kinos übertragen wird.

          „Verdammte Polen und Iren!“

          Für Osborne stand das populäre Singspieltheater für eine Arbeiterkultur, an der alle Klassen teilhatten in einer Welt, die noch in Ordnung war, wie Archies pensionierter Vater, Billy Rice, einst eine große Nummer im Music-Hall-Gewerbe, immer wieder feststellt. „Der Entertainer“ verwebt Archies ironische Theaternummern mit dem häuslichen Zwist in einer Bude, die seine Familie zum Leidwesen des fremdenfeindlichen Billy mit Einwanderern aus Polen, Irland und der Karibik teilt. „Verdammte Polen und Iren! Ich hasse die Dreckskerle“, flucht er bereits in der allerersten Zeile und singt das Kirchenlied „Vorwärts Christi Streiter“. Früher seien „wir alle Engländer gewesen, wir sprachen Englisch“.

          Als Kenneth Branagh beschloss, seine einjährige Spielzeit am Garrick Theatre mit dem „Entertainer“ abzuschließen und als Archie Rice wieder einmal in die Schuhe Oliviers zu schlüpfen, stand die Brexit-Abstimmung noch in den Sternen. Dennoch fand der Schauspieler und Produzent, dass die Identitätskrise vor sechzig Jahren, als Großbritannien sich in der Suez-Krise mit dem Versuch blamierte, noch einmal als Weltmacht aufzutrumpfen, Widerhall finde in den heutigen Debatten über das nationale Selbstbewusstsein und den globalen Status des Vereinigten Königreichs. Branagh verweist auf die weltpolitischen Ambitionen Putins, die ähnliche Fragen über die Rolle Russlands aufwerfen wie vor genau fünfzig Jahren das Debakel im Nahen Osten und der gleichzeitig stattfindende Ungarn-Aufstand.

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          Clarissa Eden, die Ehefrau des konservativen Premierministers, der die unrühmliche militärische Intervention gegen Ägypten lancierte, hat sich damals beschwert, ihr sei es auf dem Höhepunkt der Krise vorgekommen, als flösse der Suezkanal durch ihr Wohnzimmer. Der vielzitierte Satz trifft auch auf die Familie Rice in ihrer gammeligen Unterkunft zu. Archies jüngster Sohn, der in Ägypten dient, ist als Geisel genommen worden. Dessen jüngerer Bruder musste als Kriegsdienstverweigerer ins Gefängnis. Seine Schwester Jean, etwas steif und zweidimensional dargestellt von Sophie McShera, besser bekannt als das Hausmädchen Daisy in „Downton Abbey“, ruft als emanzipiertes Produkt der Nachkriegssozialreformen Entsetzen hervor, weil sie an einem Protestmarsch gegen die Regierung teilgenommen hat.

          Das habe man davon, wenn man den Frauen das Wahlrecht gebe, meckert ihr Großvater. Er schimpft über „die Sache da draußen im Mittleren Osten“, die Leute dächten, sie könnten „mit uns tun, was sie wollen“. Billy, dem Gawn Grainger die gelegentlich durch Erinnerungen an alte Zeiten aufgehellte, quengelig-resignierte Miene eines Rentners ohne Lebenssinn verleiht, hält auch nichts vom Wohlfahrtsstaat. Er schlägt mit leisen Anzeichen von Senilität die gleichen Töne an wie heute die rechtspopulistische Partei für die Unabhängigkeit des Vereinigten Königreiches, die mit dem Kampfruf „Wir wollen unser Land zurückhaben“ für den Brexit warb.

          Von sentimentalem Zorn getragen

          In einem Hinterzimmer des verwinkelten Theaters schildert Branagh, dass er in jeder Aufführung von Osbornes Stück beim Publikum die gleiche Polarisierung in zwei Lager spüre wie während der Suez-Krise, als die britische Regierung sich einbildete, ohne die Vereinigten Staaten auf der Weltbühne agieren zu können, so, wie sie auch jetzt den Alleingang wagen will. Der Raum sei geradezu elektrisiert von der Gegenwärtigkeit der dargestellten Debatten von damals, findet Branagh. Er will plausibel machen, dass Osbornes von sentimentalem Zorn getragenes Schauspiel, das bereits wenige Jahre nach der Uraufführung als veraltet empfunden wurde und in der altmodischen Aufführung am Garrick Theatre verstaubt wirkt wie ein auf dem Dachboden ausgegrabenes Erbstück, Aktualität bewahrt hat. Treffender ist Branaghs Beobachtung, dass der Diskurs damals genauso wie heute gekennzeichnet gewesen sei von zwischen Zuversicht und Verzweiflung schwankenden Gefühlen, deren Heftigkeit offenbare, wie viel sich die Briten selbst vormachten, wenn sie sich ihrer Rationalität brüsteten.

          Das gilt freilich auch für Archie Rice. Er gibt den Flegel, der von sich behauptet, „hinter den Augen tot zu sein“. Zu Hause betäubt Greta Scacchi als leidgeprüfte Ehefrau, deren Mischung aus Unsicherheit und Banalität sie berührend porträtiert, ihren Schmerz mit Gin. Wenn ihr Mann aus dem Theater zurückkommt, spielt er denselben zynischen Sprücheklopfer wie dort. In Christopher Orams Bühnenbild geht die Music-Hall-Welt mit dem Gerümpel hinter den Kulissen denn auch nahtlos über in die verschlissene Wohnstube.

          Aber Archies Maske fällt. Bei der Nachricht, dass sein Sohn in Äygpten getötet worden ist, findet er keine eigenen Worte. Stattdessen singt er das Blues-Lied einer schwarzen Sängerin, die er vor Jahren um ihr inniges Ausdrucksvermögen beneidet hat. Wenn Branagh sich dabei krümmt und den Text leise stotternd rausquetscht, wirkt das so durchdringend wie der lautlose Schrei von Munch. Sein Archie ist weniger niederträchtig und zwielichtig als der von Olivier - wohl auch weil Branagh meint, dass die Figur, die sich ihr Leben lang vor den Verpflichtungen als Bürger und Privatmann gedrückt hat, eine Chance sieht, sich reinzuwaschen. Vor der Wahl zwischen einem neuen Leben in Kanada oder einer Gefängnisstrafe wegen Steuerhinterziehung, entscheidet er sich fürs Zuchthaus, meint Branagh. Archie tritt aus dem Rampenlicht in die Dunkelheit.

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