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Theater in London : Was die Suez-Krise mit dem Brexit zu tun hat

Das habe man davon, wenn man den Frauen das Wahlrecht gebe, meckert ihr Großvater. Er schimpft über „die Sache da draußen im Mittleren Osten“, die Leute dächten, sie könnten „mit uns tun, was sie wollen“. Billy, dem Gawn Grainger die gelegentlich durch Erinnerungen an alte Zeiten aufgehellte, quengelig-resignierte Miene eines Rentners ohne Lebenssinn verleiht, hält auch nichts vom Wohlfahrtsstaat. Er schlägt mit leisen Anzeichen von Senilität die gleichen Töne an wie heute die rechtspopulistische Partei für die Unabhängigkeit des Vereinigten Königreiches, die mit dem Kampfruf „Wir wollen unser Land zurückhaben“ für den Brexit warb.

Von sentimentalem Zorn getragen

In einem Hinterzimmer des verwinkelten Theaters schildert Branagh, dass er in jeder Aufführung von Osbornes Stück beim Publikum die gleiche Polarisierung in zwei Lager spüre wie während der Suez-Krise, als die britische Regierung sich einbildete, ohne die Vereinigten Staaten auf der Weltbühne agieren zu können, so, wie sie auch jetzt den Alleingang wagen will. Der Raum sei geradezu elektrisiert von der Gegenwärtigkeit der dargestellten Debatten von damals, findet Branagh. Er will plausibel machen, dass Osbornes von sentimentalem Zorn getragenes Schauspiel, das bereits wenige Jahre nach der Uraufführung als veraltet empfunden wurde und in der altmodischen Aufführung am Garrick Theatre verstaubt wirkt wie ein auf dem Dachboden ausgegrabenes Erbstück, Aktualität bewahrt hat. Treffender ist Branaghs Beobachtung, dass der Diskurs damals genauso wie heute gekennzeichnet gewesen sei von zwischen Zuversicht und Verzweiflung schwankenden Gefühlen, deren Heftigkeit offenbare, wie viel sich die Briten selbst vormachten, wenn sie sich ihrer Rationalität brüsteten.

Das gilt freilich auch für Archie Rice. Er gibt den Flegel, der von sich behauptet, „hinter den Augen tot zu sein“. Zu Hause betäubt Greta Scacchi als leidgeprüfte Ehefrau, deren Mischung aus Unsicherheit und Banalität sie berührend porträtiert, ihren Schmerz mit Gin. Wenn ihr Mann aus dem Theater zurückkommt, spielt er denselben zynischen Sprücheklopfer wie dort. In Christopher Orams Bühnenbild geht die Music-Hall-Welt mit dem Gerümpel hinter den Kulissen denn auch nahtlos über in die verschlissene Wohnstube.

Aber Archies Maske fällt. Bei der Nachricht, dass sein Sohn in Äygpten getötet worden ist, findet er keine eigenen Worte. Stattdessen singt er das Blues-Lied einer schwarzen Sängerin, die er vor Jahren um ihr inniges Ausdrucksvermögen beneidet hat. Wenn Branagh sich dabei krümmt und den Text leise stotternd rausquetscht, wirkt das so durchdringend wie der lautlose Schrei von Munch. Sein Archie ist weniger niederträchtig und zwielichtig als der von Olivier - wohl auch weil Branagh meint, dass die Figur, die sich ihr Leben lang vor den Verpflichtungen als Bürger und Privatmann gedrückt hat, eine Chance sieht, sich reinzuwaschen. Vor der Wahl zwischen einem neuen Leben in Kanada oder einer Gefängnisstrafe wegen Steuerhinterziehung, entscheidet er sich fürs Zuchthaus, meint Branagh. Archie tritt aus dem Rampenlicht in die Dunkelheit.

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