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Keith Jarrett : Die rechte Hand Gottes

  • -Aktualisiert am

Wenn Gott ein Jazzpianist wäre: Keith Jarrett Bild: ASSOCIATED PRESS

Keith Jarrett, der eigentümlichste Pianist unserer Zeit, gibt ein Konzert und bringt eine neue Platte heraus - beide Male überwindet er die Schwerkraft mit links. Nur über die Unzulänglichkeiten des Konzertalltags kann er sich nicht beruhigen.

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          Eine der erstaunlichsten Begleiterscheinungen des Pianisten Keith Jarrett ist der Umstand, dass fast alle, die versuchen die Wirkung seiner Musik in Worte zu fassen, dafür metaphysische Begriffe brauchen: Jarretts Anhänger, so heißt es, feierten seine Konzerte als Epiphanien, als Selbstoffenbarung einer Gottheit also; auf Youtube schrieb vor kurzem ein Fan: „Worte? Wozu? Gibt es irgendeinen Zweifel daran, dass hier Gott spricht?“ Und der Berliner „Tagesspiegel“ schrieb nach Jarretts Konzert in Frankfurt vor zwei Jahren, dieser Pianist könne in seinen besten Momenten selbst dem lieben Gott Tränen in die Augen treiben.

          Was ist es aber, womit Jarrett, der am 8. Mai 1945 in Pennsylvania geboren wurde, seiner Musik eine solche Wirkung verleiht? Welche Eigenschaften vereint dieser Künstler in sich, um nicht nur hoch, sondern gleich in solch übermenschliche Höhen gelobt zu werden? Sicher, Jarrett verfügt über außergewöhnliche Fähigkeiten: Da ist nicht nur sein enormes technisches Können, seine phänomenale Virtuosität, dank derer er die temporeichen Passagen seiner Konzerte so schnell improvisiert, dass einem schwindelig werden könnte - ja, dank derer er überhaupt als einziger Pianist auf diesem Globus dazu in der Lage ist, all seine Solokonzerte vollständig zu improvisieren.

          Menschliche Seiten eines gottgleich Verehrten

          Da sind seine Vielseitigkeit und seine Offenheit für immer neue Ideen und Richtungen. Jarrett spielt nicht nur Jazz und improvisiert wie kein Zweiter; er hat sich, mit Einspielungen von Bach, Mozart oder Schostakowitsch, auch als klassischer Pianist einen Namen gemacht. Zudem verfügt er über eine geradezu seismographische Sensibilität für alle Arten von Atmosphären und Stimmungen: von seiner nie enden wollenden Leidenschaft für einen energiegeladenen Groove und alle Arten von ausgeklügelten Rhythmen über die berühmte Ekstase des „Köln Concerts“ (das mit über dreieinhalb Millionen verkauften Exemplaren noch immer die am meisten verkaufte Solo-Jazzplatte der Welt ist); bis hin zu dieser, trotz aller Zerbrechlichkeit besänftigenden Passage seines Konzertes in der Mailänder Scala, die einen kleinen, älteren Mitarbeiter des Opernhauses damals so bewegte, dass er Jarrett nach der Vorstellung mit Tränen in den Augen mitteilte, dass ihn weder dessen komplette Alben, die er zu Hause im Schrank stehen habe, noch 25 Jahre als Assistent des Dirigenten der Scala auf diese Erfahrung hätten vorbereiten können; die sei stärker als alles, was man mit Worten beschreiben könne.

          Jarrett hat sich einen Spitzenplatz auf der Musik-Weltrangliste erspielt, daran besteht wenig Zweifel. Aber muss man ihn gleich in die Nähe Gottes zu rücken? Seine menschlichen Seiten waren doch niemals zu übersehen: Unvergessen, wie er einst mitten in einem Konzert aufhörte zu spielen, weil ihm nichts mehr einfiel, und ins Publikum fragte, ob da nicht irgendein Pianist sei, der statt seiner weiterspielen wolle.

          In Frankfurt beschimpfte er sein Publikum vor zwei Jahren, weil es nicht still genug war. Und auf dem Umbria Jazz Festival im gleichen Jahr war Jarrett vom ständigen Leuchten der Digitalkameras so genervt, dass er das Konzert nach einigem Fluchen einfach abbrach. Grenzt es, vor diesem Hintergrund, nicht eher an Gotteslästerung, solch einen narzisstischen Rüpel in die Nähe Gottes zu rücken?

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