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Kein Wagner-Konzert in Israel : Die rote Linie der Provokation

  • -Aktualisiert am

Wirft der Universitätsleitung nach der Konzertabsage „Feigheit“ vor: Jonathan Livni, Vorsitzender der israelischen Wagner-Gesellschaft Bild: dpa

Ein Konzertabend mit Werken Wagners an der Universität Tel Aviv musste nach Protesten Holocaust-Überlebender abgesagt werden. In ihrer Begründung geht die Universitätsleitung sogar noch einen Schritt weiter.

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          Der für den 18. Juni in Israel angekündigte Konzertabend mit Werken Richard Wagners kann nicht wie geplant stattfinden. Berichte über das Vorhaben hatten laute Proteste von Seiten mehrerer Organisationen von Holocaust-Überlebenden ausgelöst. Uri Chanoch, Vertreter des Dachverbandes der Schoa-Überlebenden in Israel, forderte die Verhinderung des Konzerts und richtete entsprechende Briefe nicht nur an den israelischen Staatspräsidenten Shimon Peres, an den Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu und den Erziehungsminister Gideon Saar, sondern auch an Joseph Klafter, den Präsidenten der Universität Tel Aviv. In deren Smolarz-Auditorium auf dem Campus in Ramat Aviv sollte das umstrittene Konzert stattfinden.

          Jetzt teilte die Leitung der Universität den Veranstaltern - die israelische Wagner-Gesellschaft und ihr Vorsitzender Jonathan Livni - mit, dass ihnen das Auditorium nicht mehr zur Verfügung stehe. Begründet wird die Entscheidung, wie in solchen Fällen üblich, mit der Rücksichtnahme auf die Empfindungen der Schoa-Überlebenden. Doch geht die Universitätsleitung noch einen Schritt weiter und behauptet, dass ein Wagner-Konzert auch die Gefühle eines breiten israelischen Publikums verletzen würde. Der Wagner-Abend - er war als „Akademisches Treffen“ konzipiert und sollte auch Vorträge über berühmte Interpreten und Bewunderer des Komponisten von Theodor Herzl bis zu Arturo Toscanini umfassen - überschreite, heißt es nun, die „rote Linie“.

          „Um zwanzig Jahre verschieben“

          Obendrein wird Livni jetzt von der Universitätsleitung beschuldigt, sie bewusst getäuscht zu haben. Er habe die Absicht, einen Wagner-Abend zu veranstalten, verheimlicht und lediglich um eine Genehmigung für ein „öffentliches Konzert unter der Leitung des Dirigenten Asher Fisch“ gebeten. Livni, von Beruf Rechtsanwalt, hat dies gestern gegenüber dem israelischen Militärsender „Galei Zahal“ vehement bestritten. Die Universität sei über das geplante Programm sehr wohl im Bilde gewesen. Livni wirft der Universitätsleitung nun seinerseits „Feigheit“ vor und bleibt bei seiner bisherigen Position: „Wir spielen nicht vor Schoa-Überlebenden und auch nicht in aller Öffentlichkeit. Bald könnte es so weit kommen, dass man uns den Genuss von Wagners Musik auch noch zu Hause mit der Begründung verbietet, dass sie die Luft verpeste.“

          Livni und seine Mitstreiter stehen einem wachsenden Lager von Wagner-Gegnern gegenüber, die nicht unbedingt rechtsorientiert sind. So mobilisierte die regierungsfreundliche Zeitung „Israel Hayom“ ausgerechnet den linken Ex-Parlamentarier Yossi Beilin gegen das Konzertvorhaben. Er persönlich, bekannte Beilin, liebe zwar Wagners Musik, es gebe aber im Land viele Menschen, die sich durch ihre öffentliche Aufführung verletzt fühlten. Auf ihre Gefühle Rücksicht zu nehmen sei doch keine Zensur. Wagner in Tel Aviv zu spielen trage weder zur Meinungsfreiheit noch zur Wahrung universeller Werte und Menschenrechte bei, sondern bereite vielen guten Menschen nur Kummer: „Die geplante Aufführung kann man ruhig um zwanzig Jahre verschieben. Die Sache brennt nicht.“

          Uri Chanoch vom Dachverband der Schoa-Überlebenden griff auf ein lange bekanntes Argumentationsmuster zurück: „Wagner hat die Nationalsozialisten inspiriert - es gibt also eine direkte Verbindungslinie zwischen ihm und dem Holocaust. Deshalb lehnen wir Aufführungen seiner Musik ab.“ Er und andere Überlebende empfänden das Konzertvorhaben als empörend, ja als reine Provokation.

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