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Kehlmann-Uraufführung : Formeln kann man nicht essen

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Der Gatte meschugge, die Gattin innig und resolut: Johannes Silberschneider und Steffi Krautz am Schauspiel Graz Bild: Lupi Spuma

Auf Humboldt und Gauß folgt Gödel: Die Grazer Uraufführung von Daniel Kehlmanns Theaterstück „Geister in Princeton“ - ein Stück zwischen Weltformeln und Atombomben.

          Kurt Gödel, 1906 in Brünn geboren, war ein armer Kerl: größter Virtuose der mathematischen Logik, doch außerhalb seiner mathematischen Geisterwelt ein lebensuntüchtiger, vom Verfolgungswahn geplagter Kranker. Dass Daniel Kehlmann sich Gödels Existenz für sein Theaterstück „Geister in Princeton“ - Uraufführung in Graz am Samstagabend - vornahm, gehorcht selbst einer inneren Logik. Die Vermessung der Welt durch die Wissenschaft ist schließlich eines von Kehlmanns Lieblingsthemen. Und wie im Roman über Humboldt und Gauß, so geht es am Ende auch im Gödel-Stück: Die Welt mit ihrem Irrsinn und ihrer Vielgestalt ist stärker als jede logische Bemächtigung.

          Dass Kehlmann Gödels Erdenwallen mit dem Studium in Wien, dem schüchternen Mitmachen beim „Wiener Kreis“, der abenteuerlichen Flucht vor Hitler über Sibirien nach Princeton bis zur Freundschaft mit Einstein und dem suizidären Hungertod einfach nur in biographischen Kapitelchen nachzeichnen würde, musste man bei einem Autor dieser Intelligenz nicht befürchten. Passend zur Irritation der modernen Physik reist der Titelheld selbst in der ersten Szene auf dem Zeitpfeil durch die Dramaturgie und steht bei der eigenen Beerdigung als abgeklärter Gestorbener, als kleiner Bub im Matrosenanzug neben seinem eigenen Sarg.

          Quer durch Sibirien

          Wenn Gödels Logik im Gefolge von Einsteins Relativitätstheorie schon kein Vorher und Nachher und nicht einmal ein Ende kennt, dann macht Anna Badoras feinsinnige Regie dagegen die Domäne des Theaters stark: das Jetzt. Mal vor, mal hinter einer Glaswand - wohl mehr Bildschirm der Erinnerung als Übergang zur anderen Dimension - begegnen sich die verschiedenen Gödels zwischen Brünn und Wien und Princeton und reisen auf dem Zauberpfeil der Bühne sogar quer durch Sibirien, wo das Ehepaar Gödel in der schönsten Szene beinahe von zwei abgestumpften sowjetischen Grenzern hingerichtet worden wäre.

          Selbstbegegnung: Johannes Silberschneider (links) als Gödel auf Zeitreise

          Wenn die beiden eingeschneiten Soldaten über Mücken und Wodka ins tschechowsche Grübeln kommen und fernab jeder Quantenphysik als unwichtige Elementarteilchen des Moskauer Systems Schicksal spielen, dann brilliert Kehlmann wie schon in seiner Prosa mit lakonischem Humor. Zur Beerdigung des wie Freud aus Mähren gebürtigen, dann ins Exil getriebenen Ur-Österreichers Gödel etwa kommt ein Wiener Konsularbeamter mit Keppele und Kranz. Als er erfährt, dass Gödel - obgleich irrer Mathematikprofessor - gar kein Jude war, lässt er die Kopfbedeckung in der Jackentasche verschwinden und empfiehlt sich zu einem New Yorker Empfang „für den Herrn Professor Karajan“. Das sind kleine, wissende Spitzen gegen Kehlmanns Vaterland, genau wie die weise Einschätzung von Mama Gödel an den physikalisch vorlauten Filius von 1914: Im ewigen Österreich gebe es keine Zeit, es gebe nur den Kaiser Franz Joseph.

          Konsequent zu Tode hungern

          Bei solchen musilschen Bonmots sind Gödels mathematische Tricks ohnehin nicht so wichtig. Es zählt die Tragik eines Schutzlosen, dem seine Frau - so resolut wie innig: Steffi Krautz - das Essen vorkochen und vorkosten muss, weil der meschuggene Gatte an jeder Ecke Geister sieht und Gift fürchtet. Anders als Brecht („Galilei“) oder Michael Frayn („Kopenhagen“), die ihre Physikerdramen um moralische Fragen kreisen lassen, bewegt sich der Ironiker Kehlmann lieber in den Fußstapfen der geistreichen Plaudereien des Kollegen Dürrenmatt. Auch Kehlmanns Einstein (adäquat müde und strubbelig: Hanns Peter Hallwachs) oder John von Neumann verkommen in ihrem amerikanischen Exil zu Rittern von der traurigen Gestalt zwischen Weltformeln und Atombomben. Wer immer in der Schule in Mathe und Physik nichts kapiert hat (und wer hat das schon?), geht konform mit dieser Sicht: Das vermeintlich unwiderlegliche Wissen macht niemanden glücklich und bringt nur Leid in die Welt.

          Gödel, dem ein hornbebrillter Johannes Silberschneider mit einer anrührenden Mischung aus Sensibilität, Intellekt und Autismus Gestalt verleiht, macht sein Mathefimmel gar den Garaus, denn seine Berechnungen setzen bei den Kalorien aus. Als seine Frau ins Krankenhaus muss, hungert er sich konsequent zu Tode.

          Diese zunehmend surreale Konstellation evoziert denn auch die einzige kritische Frage angesichts eines geistreichen, unterhaltsamen, stilsicheren Werks: Warum Gödel? Wovon - außer von der tolpatschigen Nutzlosigkeit des Wissens - erzählt uns dieser einfältige Mann, der sich am Ende gar an einem formelhaften Gottesbeweis versuchte? Von der Tragik der Logik in einer unlogischen Welt? Oder von der Vermessenheit der Welt, die ihre Genies nicht versteht? Am ehesten wohl doch vom Hunger nach Zahlen, die keinen satt machen.

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