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Kaydanovskiys „Schneesturm“ : Alles so voller Papierschnipsel hier

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Der russische Winter setzt den Liebenden zu: die Tänzer Ksenia Ryzhkova und Jinhao Zhang. Bild: Katja Lotter

Viel Wind, aber kein Unwetter: Das Bayerische Staatsballett kämpft sich durch Andrey Kaydanovskiys neue Choreographie „Der Schneesturm“ nach Alexander Puschkin.

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          Auf der Website der Bayerischen Staatsoper kann man sich die literarische Vorlage der live gestreamten Ballettpremiere vom Wochenende von Mechthild Großmann vorlesen lassen: „Der Schneesturm“, eine Erzählung von Alexander Puschkin. Im Shop kann man Schneekugeln kaufen, ähnlich jener, mit der Marja, die Protagonistin des neuen Handlungsballetts von Andrey Kaydanovskiy, auf der Bühne spielt.

          Im Programmheft heißt es: „Marja hält dabei eine Schneekugel in der Hand, in der sie es immer wieder mal stürmen lässt. Dieses Objekt befindet sich seit Generationen in der Familie und bedeutet Marja sehr viel.“ So erfährt man gleichsam nebenbei, dass die Geschichte offenbar nicht mehr in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts oder früher spielen soll: Puschkin, geboren 1799 und 1837 verstorben, kannte keine Schneekugeln, denn die ersten wurden 1878 auf der Pariser Weltausstellung gezeigt.

          Oder vielleicht sieht das Team um den russischen, seit zehn Jahren in Wien lebenden Choreographen Andrey Kaydanovskiy darin eine subtile Anspielung auf jenen ironischen Satz, mit dem Puschkin seine junge Heldin auf der ersten Seite vorstellt: „Marja Gawrilowna war mit französischen Romanen erzogen worden und folglich verliebt.“ Aber das Ballett hat weit größere Probleme als den anachronistischen Einsatz von Requisiten.

          Der fehlende Sturm

          Es spricht an sich nichts dagegen, dass sich die Regie die Freiheit nimmt, die Handlung einer Geschichte in eine andere Zeit zu verlegen. Aber es muss dann einem dramaturgischen Zweck dienen, es muss eine bestimmte Interpretation stützen, die sich anders nicht erschließen würde. Das ist in diesem Ballett nicht zu erkennen. Der eigentliche Protagonist der Erzählung, der Schneesturm selbst, kann seine Gewalt nirgends entfalten. Dabei ist es allein der in der Dunkelheit des russischen Winternachmittags tobende Schneesturm, der alle Pläne des Liebespaars zunichtemacht.

          In dem Unwetter verirrt sich Marjas Geliebter Vladimir auf dem Weg zu der Kirche, in der sie heimlich heiraten wollen. Als er endlich dort eintrifft, ist die Kirche verlassen und hat Marja irrtümlich Burmin ihr Jawort gegeben, einem Mann, der zufällig dort aufgetaucht war und den sie für Vladimir gehalten hatte. Bei Puschkin tobt der Sturm, dann legt er sich wieder, aber auf der Bühne schneit es immer bloß Papierschnipsel. Puschkins kurze, großartig zwischen Ironie und Entsetzen hin- und hertaumelnde Erzählung entfaltet in wenigen Worten das Drama der Naturgewalten – Dunkelheit, heulender Sturm, nicht aufklarender Himmel, Schneeverwehungen, Schneegräben. Pferd und Mensch sind schweißgebadet und müde, immer wieder kippt der Schlitten einfach um.

          Das Bayrische Staatsballett ist die Heimat der Uraufführung von Andrey Kaydanovskiys „Schneesturm“.
          Das Bayrische Staatsballett ist die Heimat der Uraufführung von Andrey Kaydanovskiys „Schneesturm“. : Bild: Marie Laure Briane

          Alles, was hingegen bei Kaydanovskiy Wind macht, sind die elektronischen Zuspielungen, mit denen Auftragskomponist Lorenz Dangel das klangreiche Spiel des Bayerischen Staatsorchesters ergänzt. Das Werk lehnt sich an die Avantgarde des zwanzigsten Jahrhunderts an, vor allem Strawinsky, taucht ohne Berührungsangst in die emotionalen Untiefen der Filmmusik und benutzt nostalgisch, volkstümlich ein Akkordeon. Das passt zu der ganzen glattgestriegelten, harmlos hübschen Inszenierung.

          Die Handlungsangaben sind stellenweise absurd kompliziert für ein Tanzstück und voller „fallacy of misplaced concreteness“: „Mit Vladimir hat Marja vereinbart, dass sie zuerst ein Unwohlsein vortäuschen, sich dann auf ihr Zimmer und später auf den Weg zur Kirche machen soll. Dort will Vladimir auf sie warten.“ Aha. Sieht man die Eltern des Paars, wirken sie steifer als die Montagues und Capulets von John Crankos „Romeo und Julia“, vieles ist von altbackener Anmutung, sozusagen ein Biedermeier des Tanztheaters.

          Bunte Kostüme, Häuser wie mit dem Neonröhrenlineal gezogen, Kirche und Festplatz mit Glühbirnen und bunten Wimpeln umrissen, und das alles vor dem schwärzesten Hintergrund-Schwarz, das je ein Online-Publikum ermüdet hat. Sich in der Langeweile zu verirren, hätte man in Alexander Puschkins Russland wohl zuletzt erwartet. Dass der stehengelassene Vladimir in den Krieg zieht und umkommt, kann einen das kaltlassen? Aber so ist es, denn dieses schon fast selbstgefällig brave, choreographisch konventionelle Ballett auf halber Spitze beantwortet nicht nur die Ironie der Erzählung mit totaler Naivität. Es verfehlt auch die Tragik Puschkins.

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