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„Endstation Sehnsucht“ : Quallen des Bösen

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Im Würgegriff: Die Endstation als Guckkastenbühne zwischen Filmwänden, auf denen Stephanie Eidt als Blanche DuBois alle Blicke auf sich zieht. Bild: Birgit Hupfeld

Wahn, Wirklichkeit und die Wunder der Animation: Kay Voges inszeniert „Endstation Sehnsucht“ am Frankfurter Schauspielhaus als glutheiße und doch realitätsferne Gewaltparabel.

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          Hat die Südstaaten-Slumtragödie von Tennessee Williams noch etwas zu sagen? Vielleicht dann, wenn Blanche DuBois ihrer Schwester von den Eltern, den Großtanten und Großonkeln erzählt, die sie auf dem Familiengut Beau Reve in den Tod begleitet hat. Im ausverkauften Frankfurter Schauspiel jedenfalls herrscht atemlose Stille, als die Hauptfigur vom Röcheln und Schreien, dem verzweifelten Sich-Festklammern und Aufbäumen der Greise erzählte – auf der Bühne tönt das Grauen einer Generation, die sich mit Sterbehilfe und häuslicher Pflege, steigendem Lebensalter, Demenzrisiken, Betreuungskosten und dem künftigen eigenen Schicksal konfrontiert sieht.

          Was sonst aber sollte einen noch vom Stuhl reißen angesichts eines Stücks, das 1947 als seinerzeit vulgäre und realistische Antithese zu Margret Mitchells Tränen-Opus „Vom Winde verweht“ Sensation machte, und 1951 als Film weltweit die Kinos füllte? Was soll fesseln an einem „kochendheißen“ Slum im New Orleans von einst, wo zwei Südstaatenladies gestrandet sind und sich mit anderen Losern der Wirtschaftskrise zu arrangieren suchen?

          Eine Antwort ist das Talent des Tennessee Williams für vielschichtig flirrende Figuren mit beklemmend charaktervollen Abgründen. Frankfurts Schauspieler nutzen diese Vorgabe für grandiose Leistungen: Überragend Stephanie Eidt als Blanche, die heimlich erst den Familiensitz, dann sich selbst verkauft hat, und nun als angewelkte Alkoholikerin und wegen Verführung eines minderjährigen Schülers entlassene Lehrerin Zuflucht sucht in der Zweizimmer-Klitsche, wo ihre Schwester nach der Heirat mit „dem Polacken“ Stanley Kowalski haust.

          Oliver Kraushaar mit Stephanie Eidt als zärtlicher Verführer...
          Oliver Kraushaar mit Stephanie Eidt als zärtlicher Verführer... : Bild: Birgit Hupfeld

          Statt der gewohnten Glasfigur, der das Slum zur Endstation aller Sehnsüchte wird, die nun vollends an ihren Ängsten, Lügen und Illusionen zerbrechen, zeigt Eidt eine tödlich verwundete Kämpferin, die sich, getrieben vom Trauma, als blutjunge Ehefrau ihren ebenso jungen Mann unwillentlich in den Selbstmord getrieben zu haben, mit wahllosem Sex betäubte, im selben Atemzug Unschuld und Reinheit beschwört, und nun wie ein Berserker um die Chance kämpft, Kowalskis Kumpel Mitch zu heiraten, dem sie die sanfte verletzliche Lady vorgaukelt, die sie eigentlich auch ist.

          Viktor Tremmel als erst verzauberter, dann angewiderter Mitch, setzt sich ebenso souverän vom Gewohnten ab. Sein Ex-GI ist nicht nur grundanständig, sondern fällt, nachdem Kowalski ihm Blanches „wahre Natur“ enthüllt hat, über die Frau her, bis im letzten Moment Ekel die Brunst überwiegt. Nicht so Oliver Kraushaars Kowalski. Er, der mit Prügeln bei seiner hochschwangeren Frau die Geburt ausgelöst hat, vergewaltigt Blanche und treibt sie damit endgültig in den Wahnsinn. Kraushaar gelingt das Wunder, den Schatten des Marlon Brando loszuwerden, dessen „Polacke“, bis heute unvergessen, als schläfrig lauernde Testosteron-Granate über die Bühne und durch den Film glitt.

          In Frankfurt sieht man dank Oliver Kraushaar stattdessen einen heimtückischen Lumpenprolet, einen wutgeifernden Spießer, der um sich schlägt, wenn sein viriles Ehrgefühl verletzt wird. Nur seine Frau Stella kann ihn dann beruhigen. Claude de Demo gibt sie als Hörige zwischen Lust und Last, Hieben und Trieben, die zuweilen, überwältigt von der Erinnerung an ihre großbürgerliche Herkunft, in Raserei verfällt, um dann umso williger ins Slum-Milieu zurückzusinken.

          ...und als brutaler Vergewaltiger
          ...und als brutaler Vergewaltiger : Bild: Birgit Hupfeld

          Widersprüche, Schicksale und Schauspieler-Können genug für zwei Stunden Aufführung, an deren Ende deutlich ist, dass das New Orleans von 1947 auch 2014 allgegenwärtig ist, dass nicht wenige von uns vergleichbare Traumata mit sich schleppen und wir alle uns an Traumwelten klammern. Doch Regisseur Kay Voges will mehr: Er ließ die Bühne von Daniel Roskamp links und rechts mit zwei Riesenleinwänden einengen, auf die Handkameras das Spiel der Schauspieler, die in der Mitte agieren, übertragen.

          Das hat einige Vorzüge. Häufige Nahaufnahmen zum Beispiel lassen das Mienenspiel erkennen und sorgen für ungeahnte Intimität. Spannung und die Fieberatmosphäre steigernd wirken eingeblendete Sequenzen, in denen Doppelgänger der Spieler zu sehen sind, die sich mit pausbäckigen, nach dem Vorbild Stephen Kings grausig infantilen Masken zu Schreckensgestalten wandeln, zu aufgedunsenen Quallen des Bösen, die Blanches Wahnwelt sichtbar machen – und sie zugleich als Ausgeburten der Blanche bedrängenden Wirklichkeit entlarven.

          Und doch hat Voges damit vor dem Theater und seiner Besonderheit gekniffen. Denn nach kurzer Zeit starrt man nur noch auf die Leinwände, erlebt jeden Blick in die Mitte, wo die Schauspieler zu winzigen gestikulierenden Figuren geschrumpft scheinen, als Enttäuschung. Oder ist das womöglich das Höchstmaß an Aktualität? Schon wenn der Regisseur die Figuren mitten im Fünfziger-Jahre-Ambiente zum iPod greifen lässt, assoziiert man unweigerlich ein heutiges Slum, in dem Loser den legendären Hollywood-Schinken von 1951 nachspielen, um ihrem erbärmlichen Dasein einen Funken Bedeutung zu geben. Aus dieser Perspektive wäre der Triumph des Films über die Bühne der Schritt in ein Heute, dem der Bildschirm und die Animation wichtiger sind als die Realität. Damit würde die größte Sehnsucht der Blanche DuBois erfüllt: „Ich rede von dem, was sein sollte, nicht von dem, was ist“, sagt sie, sobald eine ihrer Lügen aufgedeckt wird. Nicht enden wollender Applaus.

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