https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/katie-mitchell-verfremdet-tschechow-in-hamburg-18492009.html

„Der Kirschgarten“ in Hamburg : Fuchs und Fichte wissen, was wir Menschen tun

  • -Aktualisiert am

Tier und Technik – der Kirschgarten als Studio im Hamburger Schauspielhaus Bild: Stephen Cummiskey

Visuell eindringlich, multimedial überfrachtet: Katie Mitchell verfremdet Anton Tschechows „Der Kirschgarten“ am deutschen Schauspielhaus in Hamburg.

          3 Min.

          Was wäre, wenn nicht nur die Menschen aufmerksam Flora und Fauna beobachteten, sondern wenn es umgekehrt auch so wäre? Wenn also der Fuchs und der Igel, die Kiefer vor der Tür und die Orchidee auf dem Fensterbrett genau verfolgten, was wir tun und lassen? Und Tag für Tag mitbekommen, wie ihre Existenzgrundlagen vernichtet werden – ebenso wie die der Menschen selbst durch deren eigenes Handeln?

          Auf diese Überlegungen gründet die Regisseurin Katie Mitchell am Schauspielhaus Hamburg ihre Inszenierung von „Der Kirschgarten“ – logischerweise „nach“, nicht „von“ Anton Tschechow. Denn der erzählte in seiner 1904 uraufgeführten Komödie von ein paar ratlosen, versponnenen Figuren, die ihren Halt verloren haben, weil eine neue Zeit auf sie zukommt, die sie nicht be-greifen und in der sie überflüssig sein werden, was sie natürlich wissen. Katie Mitchell macht aus dem Theaterstück eine Installation und aus der melancholischen Geschichte eine zivilisationskritische Meditation.

          Sie modernisiert nicht bloß den Text, sie dekonstruiert die ganze dramatische Situation auch formal rigoros. Der neunzigminütige Abend erinnert eher an ein Hörspiel mit Video als an eine szenische Aufführung. Das Bühnenbild von Alex Eales ähnelt mit drei hoch gehängten Leinwänden einem Flügelaltar. Darunter sind je ein Glaskasten für vier Musiker mit Streichinstrumenten sowie für die Schauspieler und Geräuschproduzenten eingerichtet, die mit allerlei Gerätschaften für den Live-Ton zu den Filmsequen-zen sorgen. Wenn die Schauspieler aus dem Kabuff heraussteigen, stellen sie sich vor die sichtbar aufgebauten Kameras und legen los. Wir sehen sie dort und zugleich auf der Leinwand in virtuellen Räumen, in die sie blueboxmäßig hineingebeamt werden wie Nachrichtensprecher in Settings außerhalb des Studios.

          Eine neue Chance für das Werk

          Erst freut sich etwa Julia Wieninger als Gutsbesitzerin Ranjewskaja, die ihr Vermögen im Ausland durchgebracht hat, dass sie wieder daheim ist, wie man aus dem Glaskasten vernimmt. Dann steht sie draußen vor der Kamera und simultan in ihrem Park, der bald zwangsversteigert sein wird. Einerseits ist diese Perspektive für das Publikum ziemlich frustrierend, weil „Der Kirschgarten“, der vom Programmheft angekündigt wird, nicht stattfindet. Andererseits gelingt es Katie Mitchell mit ihrer multimedialen Versuchsanordnung, dessen Thematik zumindest partiell auf faszinierend ungewöhnliche Weise auszuleuchten. Die Menschen sind hier in der zweiten Reihe, der Text ist stark gekürzt, als böte er nur das, was die Natur mithören kann. Von der Leinwand blicken uns heimische Tiere in Großaufnahme an, Harz quillt aus der Baumrinde, ein Hund pinkelt an einen Stamm, Schmetterlinge flattern, ein Dachs schnüffelt am Boden. Bienen, Blumen, blauer Himmel – ja, das wirkt manchmal etwas esoterisch, zu viel des Guten und über Gebühr mit tragischer Bedeutung aufgeladen (Artensterben, Umweltzerstörung, Klimawandel).

          Allerdings entwickelt sich daraus auf Dauer ein suggestives, visuell eindringliches Spannungspotential. Im Glaskasten brüllen sich die Personen an – von der Leinwand starrt reglos ein Käuzchen aus unheimlich düsterer Nacht. Im verwitterten Wohnhaus wird eine Party gefeiert (zu lauter Popmusik blinken bunte Lichter in den Fenstern im Film), während sich – ebenfalls im Film – eine nervös aufgescheuchte Fledermaus wegduckt. Durch die vier Jahreszeiten führt diese so theaterferne wie theaterverliebte Performance, während der die Früchte reifen und die Blätter fallen, indes die Menschen freilich bloß im Dunkeln bleiben oder zweidimensional als Kinopersonal erscheinen.

          Der Kirschgarten in seiner vollen Pracht wird beschworen wie das Glück, die Freude, die Liebe – letztlich ist nichts davon real. In einer Welt, die der Natur essenzielle Gewalt antut, geht auch alles andere kaputt. Am Schluss ist der Garten verkauft und wird abgeholzt, die Motorsägen jaulen. Völlig ohne Hoffnung will Katie Mitchell ihr Theaterexperiment dann doch nicht beenden und spult es mit dem bestens eingestimmten und famos choreographierten Ensemble mal im Schnelldurchlauf, mal in Zeitlupe zurück. Ob Paul Behren oder Eva Bühnen, San­dra Gerling oder Ute Hannig, Sachiko Hara oder Tilman Strauß, Michael Weber oder Julia Wieninger, alle spielen die Szenen – und irgendwie sogar die Musiker ihre rauen, monochromen Klangflächen – in umgekehrter Richtung noch einmal.

          Mit Virtuosität und Spaß generieren sie – zurück auf Anfang! – eine neue Chance für das Werk, das Publikum, die Menschheit, um es im pathetischen Stil von Katie Mitchell zu formulieren. Dafür betreibt die Regisseurin einen geradezu absurden Aufwand und setzt extrem viel Technik ein, um der Natur zu huldigen. Aber sie beherrscht ihre Mittel souverän und schafft damit eine sehenswerte, komplex verdichtete „Kirschgarten“-In­stallation, die Tschechows Stück als Projektionsraum für die bildende Kunst umarmt.

          Weitere Themen

          Pfeifen im Hypothesenwald

          Joseph Ratzingers Jesus-Buch : Pfeifen im Hypothesenwald

          Mit „Jesus von Nazareth“ schrieb Joseph Ratzinger als Papst einen Weltbestseller. Warum wird seine exegetische Methode unter Protestanten mehr geschätzt als unter Katholiken? Ein Gastbeitrag

          Topmeldungen

          Ein Apple Store in Annapolis, Maryland

          Umsatzrückgang bei Apple : Tech-Giganten enttäuschen

          Apple, Amazon und Alphabet können mit ihren Geschäftsergebnissen nicht überzeugen – und setzen die schlechten Nachrichten aus der Branche fort.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.